Verbraucher-Monopoly mit gezinkten Würfeln

Wir waren gewarnt. Seit Jahrzehnten konfrontieren uns Wissenschaftler mit Warnungen vor Künstlicher Intelligenz, vor datenbasiertem Marketing und den Gefahren der Digitalisierung für Verbraucher und Gesellschaft. Und wer es mit Wissenschaftlern nicht so hat, könnte diese Warnungen jederzeit unterhaltsam und verklausuliert Hollywood-Filmen wie “Minority Report” entnehmen.

Nun ist sie da die Digitalisierung und Wissenschaftler wie Hollywood-Autoren müssen feststellen, dass ihre Warnungen vergeblich waren. Wir sind blind und geblendet von den vermeintlichen Vorzügen digitaler Dienste und Apps in eine Zukunft geschlittert, in der wir jetzt schon nicht mehr Herr über unsere Daten und bald schon nicht mehr Herr über unseren Willen sein werden.

Wie in den spannenden Hollywood-Filmen fing es auch in der Realität ganz harmlos an: Hier ein paar Bonuspunkte im Tausch gegen die eMail-Adresse, dort eine Kundenumfrage, schnell noch die Geodaten im Smartphone freigeben – alles nicht weiter schlimm.

Dachte man. Aber wer einen Pakt mit dem Teufel schließt, wird bekanntlich irgendwann auf die Hörner genommen und so wunderten wir uns dann, warum sich digitale Preisschilder in Supermärkten von unseren Augen plötzlich veränderten. Oder warum die App des Autovermieters Sixt dem Kunden vor dem Chanel-Store einen teureren Preis anzeigt als dem Kunden, der vom Lidl-Parkplatz aus mietet. Das sind keine düsteren Visionen mehr, sondern Realität.

Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, scheinen viele Verbraucher der ethisch fraglichen und mindestens datenschutzrechtswidrigen Entwicklung gleichgültig gegenüberzustehen. Während Schüler jeden Freitag gegen die Klimaerhitzung demonstrieren, habe ich gegen Verbraucher betrügende künstliche Intelligent jedenfalls noch niemanden demonstrieren sehen. Stattdessen ist der morgens der halbe S-Bahn-Waggon am WhatsAppen, obwohl dieser Dienst wegen datenschutzwidriger Speicherung ganzer Telefonverzeichnisse der Nutzer ohne deren Einwilligung de facto illegal ist. Aber wen kümmert’s!? Egal, lieber noch schnell Cross-Postings bei Instagram und Facebook freigeben, damit auch ja alle Freunde sehen können, wie toll die Party letztes Wochenende war. Dass plötzlich permanent Angebote von Catering-Anbietern und Getränkelieferanten in der Timeline auftauchen – ja sowas aber auch!

Die Politik, deren Aufgabe ja unter anderem so etwas wie “Verbraucherschutz” ist, sieht der Entwicklung tatenlos zu. Das hat mehrere Gründe. Einer davon ist: datenbasiertes Marketing, KI und Location-based Services sind ein milliardenschwerer Zukunftsmarkt. Klar, dass Lobby-Organisationen wie der Digitalverband Bitkom im Bundestag und in den Ministerien eine Nebelkerze nach der anderen werfen, um eine strengere Regulierung zu verhindern. Und wenn dann mal drakonisch erscheinende Strafen gegen Digitalkonzerne wie Google verhängt werden, dann schmälern diese Summen bei genauerer Betrachtung maximal vorübergehend die Portokasse der milliardenschweren Konzerne. Ihr Verhalten ändert die Datenindustrie jedenfalls nicht. Im Gegenteil: Das selbstlernende Ungeheuer entwickelt sich weiter und es wird sich irgendwann unserer Kontrolle gänzlich entziehen. Wir waren gewarnt.

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