Deutschland – Land der Ideenlosen

Es gibt hierzulande seit vielen Jahren eine Kampagne, um die es nicht ohne Grund in den letzten Monaten still geworden ist. Unter dem Motto “Deutschland – Land der Ideen” wurden inzwischen tausende Orte und Projekte zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen prämiert, die wegweisend für einen ideengetriebenen Aufbruch im Land der Dichter und Denker sein sollen. Die Kampagne hat vor allem in ihren Anfangsjahren, als Deutschland in der allgemeinen Depression der Wirtschafts- und Finanzkrise zu versinken drohte, viel geleistet. Sie hat aufgezeigt, dass wir gerade in schlechten Zeiten in der Lage sind, mit guten Ideen, ausgefeilter Ingenieurskunst und einer Prise Pioniergeist unsere ins Wanken geratene Position als Wirtschafts- und Werte-Weltmacht verteidigen können.

Heute spricht über die Kampagne kaum noch jemand und auch die Aufkleber und Schilder, die sich im Rahmen der Initiative prämierte Orte an die Eingangstür heften durften, sieht man immer seltener. Es ist paradox: Trotz erster Anzeichen für eine kommende Rezession geht es der deutschen Wirtschaft heute eigentlich gut. Und dennoch hat sich über das Land eine seltsame Patina gelegt, die alles Bewegliche, alles Wendige und Dynamische unter sich zu begraben scheint.

Der Bau eines Flughafens wird zum Ding der Unmöglichkeit

Besonders das, was einst zu unseren Stärken gehörte, scheinen wir inzwischen verlernt zu haben. Bauen, das war eine unserer vielen Spezialitäten. Überall auf der Welt drehten sich besonders bei technisch anspruchsvollen Projekten Kräne deutscher Baukonzerne wie Hochtief, Bilfinger & Berger oder Züblin. Heute sind diese Technologieführer verkauft, zerschlagen oder abgeschlagen. An ihre Stelle sind chinesische Baulöwen getreten oder die betreffenden Länder machen es mit eigenem Know-how.

Für Deutschland dagegen wäre es inzwischen fast schon nötig, sich ausländische Bau-Experten ins Land zu holen. Als Erstes sollten wir uns von diesen Entwicklungshelfern erklären lassen, wie man einen Flughafen baut. Denn während in Schwellen- und Entwicklungsländern wie der Türkei und Pakistan zuletzt Großflughäfen ohne oder mit überschaubarem Verzug in Betrieb gegangen sind, ist die Eröffnung des niedlichen Berliner Hauptstadtflughafens BER inzwischen seit sieben Jahren überfällig. Und ein Ende der Slapstick-Komödie ist noch nicht abzusehen, denn unlängst tauchten neue Zweifel am aktuellen Fertigstellungsversprechen 2020 auf. Diesmal sind es Plastikdübel (!), die Bauherren vor Ort und die Steuerzahler daheim in den Wahnsinn treiben. Man mag sich über das Thema mittlerweile gar nicht mehr auslassen, denn eigentlich ist über den BER schon jeder Witz und Spott erzählt worden, den man sich ausdenken kann.

Es fehlt dem Land der Ideen an ebensolchen. Am Bau wird das besonders deutlich. Immer öfter scheitern wir an Großprojekten und wenn die Baubranche einmal nicht versagt, macht uns der Juchtenkäfer einen Strich durch die Rechnung.

Zwei Jahre Bauzeit für einen Aufzug – voraussichtlich

Okay, mag man jetzt einwenden, wir haben uns möglicherweise bei dem einen oder anderen Infrastrukturprojekt verhoben, aber im Kleinen sind wir doch weiterhin sehr gut. Dann richten Sie Ihre Aufmerksamkeit bitte kurz auf das Artikelfoto oben: In Berlin (schon wieder diese #failedCity!) gibt es einen U-Bahnhof, an dem man über zwei Jahre für den Einbau eines Aufzuges veranschlagt. Zwei. Jahre.

In dieser Zeit bauen die Chinesen ganze U-Bahnlinien – mit Aufzügen versteht sich. Was in Gottes Namen ist eigentlich mit uns los? Am Geld kann es doch nicht liegen? Erst kürzlich las ich, dass Deutschland zu den Ländern mit der höchsten Steuer- und Abgabenquote gehört – demgegenüber aber eine erschreckend schlechte Infrastruktur hat. Und an den Ideen dürfte es uns doch theoretisch nicht mangeln. Beschäftigen doch manche Ministerien dem Vernehmen nach Heerscharen von externen Beratern, also klugen Köpfen, die uns sagen können müssen wie es geht.

Was also muss passieren, damit Deutschland wieder funktioniert? Wir sollten zunächst einmal aufhören, uns überall zu verzetteln. Wir retten die Welt, aber wer rettet uns? Wer baut und saniert unsere Infrastruktur für dieses Jahrhundert? Geld und Ressourcen sind da – ein professionelles Management müssen wir uns anscheinend erst wieder ausbilden oder anderswo einkaufen.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?