Großmutter‘s große Zähne

Artenschutz, Biodiversität und Ökologie sind eine tolle Sache. Sie bieten Menschen gerade in der heutigen Zeit unendliche Möglichkeiten, ihr Gewissen reinzuwaschen von der Schuld, die sie und ihre Vorfahren in Jahrhunderten frevelhafter Umweltzerstörung auf sich geladen haben. Das fühlt sich so lange gut an, wie dabei keine persönlichen Interessen tangiert werden. Umweltschutz betreibt jeder gern – so lange er nur in der eigenen Komfortzone stattfindet. Flugscham? Ja, aber der Balearen-Urlaub mit dem Billigflieger muss sein! CO2-Steuer? Gern, aber nur wenn sie nicht wehtut und man alles Geld auf anderem Wege zurückbekommt. Gesundes Obst von heimischen Feldern? Immer gern, gern auch außerhalb der Saison dank Plastikfolie über den Pflanzen. Wiederansiedelung der Wölfe? Warum nicht, wenn sie alle zu Vegetariern werden. Aber das wird selbstredend nicht passieren.

Das war ja auch der Grund dafür, warum Wölfe vom Viehzucht betreibenden Menschen in Mitteleuropa einst ausgerottet wurden. Dem früher in unseren Breiten ebenfalls ansässigen Braunbären ist übrigens ein ähnliches Schicksal widerfahren. Erst mit dem wachsenden Bewusstsein für Natur- und Artenschutz war eine Einwanderung des Wolfes aus vornehmlich östlichen Richtungen vor rund zwanzig Jahren möglich und wurde zunächst sogar als kleine Sensation gefeiert.

Doch der Wolf, der manche Stadtbewohner optisch an die domestizierten und verschmusten Huskies aus den Eskimo-Dokumentationen erinnert, ist eben nicht nur an Trockenfutter aus der Dose interessiert, sondern zum Beispiel auch an Schafen, die ihm von uns auch noch ganz verlockend in Herdenform hübsch eingehegt vor die Nase gesetzt werden. Da ließ der erste Zwischenfall natürlich nicht lange auf sich warten und mit der Ausbreitung des Raubtieres in seinem einstigen Lebensraum wurden aus diesen Zwischenfällen durchaus häufigere Vorfälle.

Die “Lex Wolf” und die Doppelmoral des Artenschutzes

Die Stimmung kippte dann in den vergangenen Jahren zunehmend und Jäger wie Schafhirten, ja sogar besorgte Anwohner ländlicher Gebiete, forderten von der Politik, dem Wolf bei Bedarf an den Kragen gehen zu dürfen. So entstand die Idee einer gesetzlichen Regelung, die den Abschuss sogenannter “Problemwölfe” bei Schäden in Nutztierbeständen ermöglicht – die sogenannte “Lex Wolf”.

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Man stellt hier die Interessen von Viehzüchtern und Landwirten ohne “Wenn und Aber” über die Interessen des Artenschutzes und hier im Speziellen eines nach wie vor vom Aussterben bedrohten Tieres. Dabei gäbe es laut Experten andere Möglichkeiten, Nutztiere effektiv vor hungrigen Wölfen zu schützen. Aber diese Maßnahmen wie zum Beispiel die sichere Einhegung sind natürlich aufwendiger und damit kostspieliger als die zwei Patronen im Präzisionsgewehr. Kein Wunder, dass die Schafhirten-Lobby angesichts der sich abzeichnenden gesetzlichen Änderungen für den Wolfsabschuss und gegen den Artenschutz jubiliert. Deren Verbandsboss Günther Czerkus bemühte sich nun redlich, sich nicht den “schwarzen Peter” in Sachen Wolfsjagd zuschieben zu lassen. Doch er wird diesen Makel nicht los, erst recht nicht mit so ungewollt zynischen Kommentaren, wie etwa, dass Wölfe “die sich nicht an die Spielregeln halten”, erschossen werden müssten. Wölfe, die sich nicht an Spielregeln halten! Da wird ja die Lammkeule in der Pfanne verrückt. Wird Herr Czerkus dann an der Volkshochschule kostenlose Benimmkurse für Problemwölfe anbieten? Ihnen seine “Spielregeln” näherbringen? Schlimm sind die Konsequenzen, die künftig ganzen Wolfsrudeln bei Nutztierschäden drohen. Denn wenn der “Übeltäter” nicht auf frischer Tat ertappt werden kann, ist es bald möglich, das ganze Wolfsrudel zu erlegen. Einzeltiere konnten bislang in Ausnahmefällen schon neutralisiert werden, die Rudel-Erschießung ist neu und skandalös. Das kommt einer Ausrottung im regionalen Raum gleich und darf eigentlich keinen echten Naturschützer kalt lassen.

Wehe, die Bauern ziehen die Gelbwesten an

Manche Strategen sehen in der nun im Bundeskabinett gebilligten und zuvor zwischen Umweltministerin Schulze und Landwirtschaftsministerin Klöckner ausgehandelten Kompromisslinie zur “Lex Wolf” eine Beruhigungspille für die mächtige und zunehmend erzürnte Landwirte-Klientel. Denn die steht mit der Politik ohnehin auf Kriegsfuß. Auch da geht es vornehmlich um Artenschutz – es sei nur auf die Bienen und die verschärften Regelungen zu ihrem Schutz verwiesen. Doch für die Bienen gelten offenbar andere “Spielregeln” als für Wölfe und so sind die pelzigen Raubtiere offenbar Opfer eines politischen Kuhhandels geworden. Gern will man in Berlin vermeiden, dass Schafhirten und Bauern demnächst mit gelben Westen und Traktoren in Berlin erscheinen.

Was bleibt, ist wieder einmal der bittere Nachgeschmack der Doppelmoral. Artenschutz und Naturverbundenheit gelten nicht für alles und jeden, obwohl das gern behauptet wird in den bunten Broschüren der Ministerien.