Die Industrialisierung des Sports

Wer die von mir gewählte Überschrift für diesen Artikel liest, könnte vielleicht zunächst eine etwas andere Assoziation bekommen. Aber nein, verehrte Leserin oder verehrter Leser, es soll hier nicht oder nur ganz am Rande um den Profisport und seine Vermarktung gehen. Dieses Thema ist zwar auch immer wieder ein beliebter Gegenstand von kontroversen Diskussionen, und das auch vollkommen berechtigt, aber mir geht es hier aus Anlass der bevorstehenden Ferien um etwas anderes.

In Berlin gibt es ganz im Süden eine früher glanzvolle Shopping-Meile für die Besserverdienenden: Die Schlossstraße. Nicht umsonst dachte man früher dabei zuerst an die Schlossstraße aus dem Monopoly-Spiel, denn auch die Berliner Version konnte man lange Zeit durchaus als eine Prachtstraße bezeichnen, die es sogar mit dem Kurfürstendamm aufnehmen konnte. Vom damaligen Glanz ist heute nicht mehr allzu viel geblieben, auch wenn es vor einigen Jahren mit diversen Umbauten und dem Neubau von Shopping-Centern einen kurzzeitigen Aufschwung gegeben hat. Doch die Nagelstudio- und Apotheken-Inflation zulasten wirklich sinnvoller und guter Fachgeschäfte macht auch vor der Schlossstraße nicht halt und die vielen großstädtischen Amazon- und Zalando-Besteller setzen auch dort dem stationären Handel weiter zu.

Umso erstaunter war ich neulich beim eher zufälligen Besuch eines echten Fachgeschäftes am Ende dieser gefallenen Einkaufspromenade in einem hässlichen Bürokomplex, der gerade mit dem Aufwand von vielen Millionen Euro zu Eigentumswohnungen umgebaut wird. Versteckt hinter Gerüsten und kaum von außen zu erkennen, gibt es dort einen “Outdoor-Spezialisten”, wie es im modernen Hipster-Sprech heißt. In den überraschend großzügigen und verwinkelten Verkaufsflächen war kaum ein Flecken Fußboden zu sehen. Unzählige Kunden stöberten in den thematisch sortierten Warenbereichen nach allem, was für den anstehenden Aktivurlaub wichtig werden könnte.

Vom Wanderstock zur 14-teiligen Nordic-Walking-Ausrüstung

Wer heute in den Sommerferien wandern möchte, der nimmt offenbar nicht mehr nur den alten, natürlich aus Wurzelholz gefertigten Wanderstock von Opa mit den angenagelten Schildern von den vielen Orten, an denen das Stöckchen zuvor zum Einsatz kam. Nein, heute muss eine 14-teilige Nordic-Walking-Ausrüstung angeschafft werden, die den modernen Stadtmenschen auf seinem waghalsigen Abenteuerurlaub in der Lüneburger Heide mit Gletschern, Schluchten und erloschenen Vulkankegeln gegen alle Eventualitäten absichert, die die unbekannte Natur in der niedersächsischen Provinz mit sich bringen kann. Da bietet die Sportartikelindustrie zunächst verschiedene Griffe und Füße für den ausziehbaren Nordic-Walking-Stock, damit man beim Wechsel vom Asphalt auf schnöden Erdboden blitzschnell den geeigneten Untersatz anschrauben kann. Hartgummi oder Metall – so ist man besser ausgerüstet als James Bond auf gefährlicher Agentenmission. Dann dürfen natürlich die Handschuhe nicht fehlen, ferner braucht es Funktionsbekleidung aus erst in 1.000 Jahren biologisch abbaubaren Kunststoffen. Früher hat man einfach eine Kniebundhoße aus robustem Breitcord getragen, heute muss es eben eine atmungsaktive Gore-Tex Funktionshose mit Werbelogo eines von Hedgefonds besessenen multinationalen Outdoor-Konzerns sein.

Und dann sind die Aktivurlauber noch lange nicht fertig mit ihrer langen Einkaufsliste im Outdoor-Fachgeschäft. Jetzt müssen Wanderschuhe – natürlich wieder aus Kunststoffen statt aus Leder – mit dicken Schaumstoff-Sohlen erworben werden. Auch die richtige Sportbrille muss sein. Da tut es nicht einfach mehr eine Sonnenbrille, es muss eine Windschutzbrille mit verschiedenen Gläsern sein, Kopfbedeckungen, Insektenspray und isolierte Getränkeflaschen, die den Sport-Drink bis zu 15h kalt halten sollen, runden den Einkauf vor dem anstehenden Urlaub ab. Und die Kasse klingelt dabei natürlich nicht nur in diesem Outdoor-Fachgeschäft. Eine wahre Industrie hat sich in den letzten Jahren um das Befürfnis der Menschen nach gesundem und aktivem Urlaub gebildet. Gerade in den Monaten Mai und Juni werden dann die großen Umsätze gemacht und es wird wieder jede Menge nutzloser Schrott verkauft, der eine Woche zum Einsatz kommt, dann im Keller verschwindet und am Ende auf irgendeiner Müllhalde.

Und die Hauptzielgruppe solcher Wanderausrüstungen und Kunststoffberge sind oft ausgerechnet jene ökologisch-bewegten Stadtbewohner, die so gerne mit den Freitags-Schülerstreiks sympathisieren und der Bundesregierung Untätigkeit beim Umwelt- und Klimaschutz vorwerfen. So lange sie mit ihrem Plastikmüll-Regencape dann nur in die Lüneburger Heide fahren, mag man das noch tolerieren. Leider geht es auch allzu oft mit dem Flugzeug nach Patagonien oder in den Himalaya. Die Industrie freut sich, die eigene Gesundheit vielleicht auch. Auf der Strecke bleibt dabei wie so oft: Mutter Erde.