Schule: Der Klügere bleibt fern

Nachdem vor einigen Jahren der sogenannte “PISA-Schock” in der Bevölkerung erstmals ein Bewusstsein dafür geschaffen hat, dass in unserem schulischen Bildungssystem dringender Reformbedarf besteht, hat die Sensibilität für Bildungsfragen unserer nachwachsenden Generation zuletzt eher wieder abgenommen – unverständlicherweise. Denn nach wie vor haben wir mit unseren Schulen ein Problem. Und zwar nicht nur eines. Herausforderungen ergeben sich mittlerweile auf so vielen Ebenen, dass es sogar schon schwer fällt, die Situation allumfassend zu beschreiben. Fangen wir mit dem Offensichtlichen an.

Mathe-Abi zu schwer oder Schüler zu dumm?

Es gab in Deutschland vor einigen Wochen tatsächlich eine hitzige Diskussion darüber, ob das Abitur in Mathematik zumindest in einigen Bundesländern zu schwer war. Nun muss ich gestehen, dass ich hier sehr vorsichtig argumentieren muss. Ich habe nämlich im Land Berlin 1996 das Abitur bestanden – im letzten Jahr, wo es noch möglich war, Mathematik bei geschickter und sprachenorientierter Kurs-Belegung abzuwählen und damit das schriftliche oder mündliche Mathe-Abitur zu umschiffen. Der Author dieser Zeilen hat aufgrund seiner Mathematik-Schwäche dankbar Gebrauch davon gemacht und vermutlich nur deshalb das Abitur knapp bestanden. Wie Sie hier auf diesen Seiten lesen können, ist trotzdem etwas aus mir geworden. Was also lässt sich daraus lernen?

Zunächst muss die Frage diskutiert werden, ob sich die Schule nicht zu weit von dem Anspruch, dass man in ihr “für das Leben lernen” soll, entfernt hat. Wenn sie sich zu dogmatisch auf Wissenschaften wie Mathematik fixiert, anstatt beispielsweise Digitalisierung oder die komplizierter gewordene Weltordnung zu erklären, läuft etwas an den Erfordernissen der Realität vorbei. Es ist zwar richtig, dass die höhere Mathematik ein wichtiger Grundpfeiler für viele Wissenschaften ist, allerdings arbeiten doch nur wenige Schüler in ihrem späteren Berufsleben mit Funktionen, Ableitungen oder Kurvendiskussionen. Schauen Sie mich an, ich überlasse sogar noch das Rechnen (was mit Mathematik nicht viel zu tun hat) einer App auf meinem Smartphone. Ich bin damit auch immer gut gefahren und Sie ahnen hier schon, dass ich für eine umfassende Flexibilisierung der Kurse und Pflichtfächer in den Schulen bin. Schülern und gegebenenfalls ihren Eltern sollte es weitgehend selbst in die Hand gelegt werden, welche Fächer und Kurse sie sich für ihr Abitur zusammenstellen. Ein weiterer positiver Effekt wäre, dass so auch die Berufsorientierung zwangsläufig viel früher einsetzt.

Auf der anderen Seite ist es natürlich fragwürdig, ob massenhafte Beschwerden über den Schwierigkeitsgrad eines Mathe-Abiturs generell angebracht sind. Da schwingt die heutzutage selbstverständliche Erwartung der Leistungsgesellschaft mit, dass immer alles bestanden und am Besten mit Note eins abgeschlossen werden muss. Was aber sagen Zeugnisse am Ende aus, auf denen lauter Einsen stehen? Und würde Ihnen als Arbeitgeber nicht irgendwann etwas komisch vorkommen, wenn in den Zeugnissen ihrer Bewerber überall nur einheitliche Top-Bewertungen stehen?

Lehrer von der Tankstelle

Komischerweise schauen wir dann bei den Lehrern – immerhin diejenigen, die unseren Kindern das Schulwissen kompetent vermitteln sollen – nicht so genau hin. Es ist 2019, es herrscht Lehrermangel, da muss der Lehrer neuerdings keine allgemeine Hochschulreife mehr haben, aber die Schüler müssen ein knackiges Mathe-Abitur überstehen. Das ist keine Satire, sondern Realität. In Berlin etwa, geht man mit einem Quereinsteiger-Programm gegen den Personalmangel vor und hat da inzwischen die Ansprüche beim Bildungsniveau der künftigen “Pauker” erheblich heruntergeschraubt. Ohne Abi geht’s dann im Zweifelsfall auch.

Helikopter-Eltern wissen alles besser

Angesichts solcher Pläne zur Abwehr des Lehrermangels ist neuer Zündstoff vor allem zwischen den Schulleitungen und den Erziehungsberechtigten vorprogrammiert. Sogenannte “Helikopter-Eltern” mischen sich sowieso schon in jede Kleinigkeit des Schulaltags ein. Da wird der Zuckergehalt der Schulspeisung moniert oder die mangelnde Rücksichtnahme auf muslimische Kinder im Ramadan. Es wird von den Eltern systematisches Mobbing beklagt, die dabei aber nicht merken, dass sie selbst mobbend über Lehrer herziehen – zukünftig dann vielleicht auch über die Quereinsteiger, deren fachliche Eignung dann angezweifelt wird. Mein Beileid!

Jugend wird politisiert. Oder ist es schon Instrumentalisierung?

Seit den Schülerdemos der #FridaysforFuture-Bewegung sieht mancher Jugendskeptiker schon eine Trendwende und Anlass, von Klischeebild des “desinteressierten Null-Bock-Rotzlöffels” abzuweichen. Aus der grünen Ecke kommt gar Jubel mit dem Hinweis, da reife eine politische und moralisch höchst anspruchsvolle Generation heran. Doch Vorsicht mit solchen Frohlockungen: Ob da nicht der eine oder andere Teenager aus Blendung, Trittbrettfahrertum oder gar Beeinflussung durch die Eltern demonstrieren geht? Nicht umsonst gibt es mittlerweile #ParentsforFuture, #EntrepreneursforFuture oder #ScientistsforFuture. Klimaschützer loben die Schüler und stacheln sie noch an, wirtschaftsfreundliche Politiker wie Christian Linder sticheln dagegen und mahnen, das Thema doch den Profis zu überlassen und die Schule nicht zu vernachlässigen. Ob die Pappschildträger aus der 8b des Lessing-Gymnasiums da noch den selbstbestimmten Überblick haben?

Wir brauchen eine #SchoolsforFuture-Bewegung

Um nicht missverstanden zu werden: Es ist nichts aber auch gar nichts gegen Schüler einzuwenden, die freitags für Klimaschutz demonstrieren gehen. Ich glaube sogar, dass die Jugendlichen bei der Demo letztlich mehr lernen als in der Schule. Das ist sozusagen “Ethik-Unterricht live”.

Ich glaube aber auch, dass die Schüler, wenn sie sich schon um ihre Zukunft sorgen, auch die Schule selbst in ihre Proteste einschließen müssen. Und da reicht es dann nicht, gegen den Schweregrad des Mathe-Abiturs zu protestieren. Die Schule ist kein Endgegner aus dem Videospiel, sondern das wichtigste Instrument, um Kinder zu mündigen Erwachsenen zu machen. Gremien für die Mitbestimmung in den Schulen wären ja da. Doch die Schülersprecher müssen dann auch mal in den Lehrerzimmern und auf den Schulhöfen aktiv werden und nicht nur vor dem Brandenburger Tor, wenn Greta aus Schweden kommt.

Verständnis für Heimerziehung wächst

Vor Jahren haben nicht nur mich Berichte über die Sekte der “Zwölf Stämme” schockiert. Diese vermeintliche Glaubensgemeinschaft, sorgte durch Kindesmisshandlungen und andere Delikte für Empörung. Allerdings hat man bei den “Zwölf Stämmen” auch energisch und teilweise bis in die höchsten gerichtlichen Instanzen für das Recht auf häusliche Bildung und eine Verweigerung der Schulpflicht für die Sektenkinder gekämpft. Begründet wurde dies alles mit religiösen Erwägungen und der Unvereinbarkeit der schulischen Lehrpläne mit der Zwölf-Stämme-Ideologie. Das ist natürlich Mumpitz und womöglich sogar demokratiefeindlich.

Aus ganz anderen Erwägungen heraus kann ich mir jedoch inzwischen schlüssige Argumentationen für eine Heimerziehung, also die Bildung der Kinder im Elternhaus, gut vorstellen. Eltern könnten nach einem Bildungstest ähnlich der Fahrprüfung die Befähigung und Erlaubnis erhalten, ihre Kinder zumindest in bestimmten Fächern zu Hause zu unterrichten. Das ginge aus meiner Sicht sogar schulbegleitend und würde nebenbei auch den Lehrermangel eingrenzen. Lehrer könnten dann als “Supervisoren” agieren und das Niveau der heimischen Bildung kontrollieren. Sogar gemeinsame Rahmenlehrpläne wären möglich.

Näher am Leben

Der größte Vorteil der (begleitenden) Heimerziehung wäre aus meiner Sicht die Tatsache, dass keine Bildung so nahe an den Bedürfnissen des Lebens und am Alltag ist, wie die häusliche Bildung. Eltern und Kinder könnten gemeinsam lernen, forschen und lehrreiche Projekte bearbeiten. Das brächte nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern weiter und wäre ein Ansatz, das Schulwesen in diesem Land zu reformieren.

Man wäre damit allerdings auch erst am Anfang einer ganzen Latte von Reformnotwendigkeiten. Über die marode Infrastruktur von der Toilette bis zum Lehrmittel hat man dann noch nicht mal ansatzweise nachgedacht. Aber es muss ja mal irgendwo begonnen werden, damit so sarkastische Sprüche wie an dieser Berliner Schulwand (Foto oben) künftig nicht mehr auftauchen.