Der Gedemütigte

Stellen Sie sich vor, Sie sind Politiker, verdienter Abgeordneter und werden von ihrer Fraktion zum Spitzenkandidaten für eine Wahl nominiert. Im Wahlkampf erfahren Sie eine überwältigende Unterstützung aus den eigenen Reihen und die Wählerinnen und Wähler statten Sie mit einem Ergebnis aus, dass Sie vom Spitzenkandidaten zum Wahlsieger und damit zum ersten Anwärter auf das angestrebte politische Amt macht.

Doch plötzlich beginnt hinter den Kulissen Getuschel, politische Gegner und einstige Sympathisanten bezeichnen Sie ohne Vorwarnung als “unwählbar” und selbst ihre große Unterstützerin aus höchstem Amt lässt sie in den Hinterzimmerverhandlungen ohne Not fallen. Erst jetzt gibt es in ihrer Fraktion einen Aufschrei, neue Verhandlungen beginnen, es wird viel über Sie aber wenig mit Ihnen geredet – obwohl Sie doch der Wahlsieger und Spitzenkandidat sind. Am Ende zaubern die Über-Sie-Reder plötzlich ein weißes Kaninchen aus dem Hut und Sie sind das schwarze Schaf, für das man intern einen “Ersatzposten” als Trost sucht. Das “weiße Kaninchen” gehört zwar ihrer Fraktion an, stand allerdings auf keinem Wahlzettel und war bis zum Tag der überraschenden Kür in ganz anderen Ämtern gebunden. Bei genauerem Hinsehen ist das weiße Kaninchen noch nicht einmal so glänzend weiß, sondern hat einige dunkle Flecken im Fell.

Was sich hier wie ein politisches Horror-Märchen liest, ist so ähnlich in den vergangenen Tagen Manfred Weber passiert, dem Unions- und EVP-Spitzenkandidaten für die Europawahl, der aufgrund des nicht überwältigenden aber doch klaren konservativen Wahlsieges eben der natürliche Nachfolger von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker gewesen wäre. Wäre. Denn nun ist plötzlich Webers Landsfrau Ursula von der Leyen, ihres Zeichens bundesdeutsche Verteidigungsministerin, die Kandidatin der Wahl, die von den EU-Regierungschefs praktisch einstimmig zur Kandidatin für den Kommissionsvorsitz aufgestellt wurde.

Abgesehen davon, dass sich nun vielleicht Millionen begeisterte Europawählerinnen und Wähler berechtigterweise fragen, über wen sie da Ende Mai eigentlich abgestimmt haben – über Frau von der Leyen jedenfalls nicht. Und wenn sie es gedurft hätten, wäre die Bundesministerin wegen ihrer dunklen Flecken im Fell – äh Pardon – ihrer Skandale im Verteidigungsministerium vermutlich kräftig abgewatscht worden. Nun muss sich Frau von der Leyen nicht mehr mit ihren dubiosen Beraterverträgen befassen und auch nicht mit murrenden Generälen und defekten Waffensystemen. Nun geht es nach Brüssel in das pulsierende Zentrum der europäischen Macht. Da wird sie schnell verschmerzen, dass sie als einstige ungekrönte aber gesetzte Merkel-Nachfolgerin diesen Posten nun “AKK” oder womöglich sogar Friedrich Merz überlassen muss. In Brüssel ist von der Leyen nun vorzeitig auf Augenhöhe mit ihrer Vertrauten im Kanzleramt – natürlich alles nur unter der Voraussetzung, dass sie im Parlament auch tatsächlich gewählt wird. Aber wer vermag das nach diesem überwältigenden Votum der EU-Regierungschefs praktisch noch zu verhindern?

Und Weber? Er ist der Gedemütigte, der so unbayerisch besonnene, so untypische CSUler, den selbst hartgesottene Seehofer- oder Söder-Allergiker durchaus mochten. Er hat sich nach Tagen der verständlichen Sprachlosigkeit nun erstmals in einem Interview geäußert. Auch dabei ist er wieder ganz der besonnene Weber, der nur leise Kritik äußert, anstatt hier einmal völlig zu recht ganz bayerisch zu granteln. Irgendwie spricht das Gesicht auf dem oben in Bayern abgelichteten Wahlplakat Bände. Es soll fröhlich aussehen, wirkt aber irgendwie melancholisch. Das Gesicht denkt an “das Europa (die EU) von morgen” und ahnt dabei offenbar, dass es persönlich wenig Erbauliches bringen wird.