Auf Achse in einem zerrissenen Land

Foto oben: Leerstehendes Lokal in Zwiesel im bayerischen Wald

Die Bundeskanzlerin streichelt an der Ostsee Pinguine, FDP-Chef Christian Lindner streichelt mit der Hand zärtlich über den Öko-Alleskönner Moos – es ist wieder Sommerloch in der Politik und da versuchen Politiker aller Parteien gern den medienwirksamen Ausbruch aus Ihrer Bundestags- oder Ministeriums-Filterblase und begeben sich auf Sommertour durch die Republik.

Diesen Sommer scheint es eine besondere Betriebsamkeit unter den politischen Entscheidern in Bezug auf Reisen zu ihren Wählern zu geben. Das ist aus mehreren Gründen nicht verwunderlich. Der wichtigste Grund sind drei anstehende Landtagswahlen im Herbst, bei denen durch die Bank weg ein Rechtsruck droht und zumindest in einem östlichen Bundesland (Brandenburg) könnte die AfD dabei sogar stärkste Kraft werden. Das ruft natürlich die Polit-Prominenz der etablierten Parteien auf den Plan, die in den Wahl-Bundesländern Sachsen, Brandenburg und Thüringen teils empfindliche Verluste zu erleiden drohen.

Aus einer Filterblase in die nächste

Selbstverständlich sind die Sommertouren der Minister, Abgeordneten und Funktionsträger generalstabsmäßig geplant. Da zeigt heute kein Politiker mehr morgens mit dem Finger und verbundenen Augen auf die Landkarte, um dem Chauffeur dann zu sagen: “Da geht’s hin”. Vielmehr stehen Auftritte und Locations heutzutage bereits Wochen vorher fest und die Wahlkampf- oder Kampagnen-Teams achten penibel genau darauf, mit wem ihre “Stars” in Berührung oder ins Gespräch kommen. Themen und Gesprächspartner müssen stets zur Message passen. Da besucht Christian Lindner von den Liberalen ganz klienteltreu Unternehmer aus der Startup-Szene und hofft, dass sich von den begleitenden Journalisten keiner daran erinnert, dass Lindner vor dem Start seiner Politiker-Karriere selbst mal ein Startup in den Sand gesetzt hat.

Die Kanzlerin streichelt unterdessen unverdächtig den Pinguin und darf dann in einer insgesamt unkritischen Bürgerrunde noch den Lokalpolitiker der AfD abkanzeln. Es brennt einfach nichts an auf den Touren der Berliner Polit-Entourage. Die Protagonisten merken quasi gar nicht, dass sie von einer Filterblase in die nächste geführt werden und die Gründe für die Zerrissenheit in diesem Land weder finden noch aktiv suchen.

Lindner in die Suppenküche?

Das ist jammerschade, denn nicht nur vor dem Hintergrund der hochriskanten Landtagswahlen wäre echte Tuchfühlung mit den Wählern vor allem in der sogenannten Provinz wichtig. Denn da brodelt und gärt es, während im Berliner Regierungsviertel höchstens mal einer flucht, weil er auf sein Handy gestarrt hat und dabei über den E-Scooter gestolpert ist, der mitten im Weg stand. Im Prinzip sind die Sommertouren gar kein schlechtes Format für den Bürgerdialog, aber vielleicht kann man ja künftig so eine Art Realityshow daraus machen, dass man nicht den persönlichen Referenten des Politikers, sondern die Journalisten im Bus spontan entscheiden lässt, wo es hingeht und wie das Setting vor Ort ist.

Wäre es nicht toll, wenn sich dann Christian Lindner unvermittelt in einer Suppenküche für Obdachlose wiederfindet und direkt mit Opfern neoliberaler Wirtschaftspolitik in den Dialog treten kann? Oder vielleicht muss ja Kevin Kühnert dann mal auf Werkstour zu BMW und sich dabei fragen lassen, wie denn das mit den Enteignungsplänen im Frühjahr so gemeint war. Andreas Scheuer könnte dann ein paar Stunden als Schaffner im ICE mitfahren und den genervten Fahrgästen als Entschuldigung für Verspätung, Überfüllung oder kaputte Klimaanlage kostenlose Getränke verteilen. Horst Seehofer könnte mal mit der Polizei im Berliner Görlitzer Park auf Drogen-Razzia gehen. Nun gut, ich höre ja schon auf.

Es wird zu solchen Szenarien natürlich nie auch nur ansatzweise kommen. Es wird stattdessen weiterhin jede Chance verspielt, jenseits der Filterblase zu einem echten Dialog zu kommen und hinterher am heimischen Schreibtisch oder in der Kabinettssitzung mal selbstkritisch zu sagen: “Wir haben da was falsch gemacht”.

Stattdessen neigt sich der Sommer dem Ende entgegen. Im September geht man spätestens wieder zur politischen Tagesordnung über, redet sich die Wahlergebnisse in Sachsen, Brandenburg und im Oktober in Thüringen schön, verschiebt die CO2-Steuer mit der Beauftragung von 26 weiteren Gutachten in die nächste Legislaturperiode und verwaltet das zerrissene Land weiterhin anstatt es zu einen und weiterzuentwickeln.