Grün tun ohne rot zu werden

Tomaten haben es nicht leicht. Sie alle werden irgendwann rot und dann ist es vorbei mit ihnen. Doch dieser nette Herr dort oben auf dem Plakat ist keine Tomate. Er tut grün, ohne dabei rot zu werden.

Nun zieren Sie sich nicht. Kommen Sie mit ihm ins Gewächshaus – das wundersame Bio-Tomatenreich unter Plastikfolie! Lassen Sie sich von ihm wohlschmeckende Tomaten auf die Augen drücken und Sie werden spielend leicht übersehen, dass hier etwas ganz Grundsätzliches falsch läuft. Und das Falsche auch nicht dadurch richtiger wird, dass man mit einer Photovoltaikanlage, Biogas und Wärmerückgewinnung dem Umweltfrevel der Gewächshaus-Landwirtschaftsindustrie einen grünen Anstrich gibt. Und Sie haben diesen Mist womöglich gerade im Supermarkt hinter dem Plakat eingekauft. Hoffentlich werden Sie wenigstens rot dabei.

Knackiges Gemüse durch faule Tricks

“Möglichst nachhaltig” will Benjamin sein Gemüse anbauen. So verrät es uns das Plakat und tischt uns damit schon die ersten Zweifel auf. Der Zahnarzt will ja auch möglichst niemandem weh tun und scheitert doch immer wieder daran. Hier aber werden alle werbewirksamen Register gezogen, um unsere Gedanken von der eigentlichen Sauerei abzulenken. Der Mann verwendet sogar Regenwasser! Was für eine Innovation. Regen! Auf solche Rafinessen kommt nicht einmal mehr das Wetter im Dürresommer 2019. Die hier zelebrierte grüne Gewächshaus-Romantik strotzt nur so von faulen Tricks. Was müssen Tomaten unter Plastikzelten reifen? Schon klar, sie müssen das nicht, aber Bauer Benjamin muss dem Supermarkt das ganze Jahr über knackige und knallrote Tomaten liefern. Pflaumentomaten, Flaschentomaten, Cherrytomaten, Fleischtomaten, Cocktailtomaten – alles mit Maximalerträgen und jederzeit mit vollem Aroma. Die Kunden wollen das so.

Keine Plastiktüte mehr im Supermarkt

Doch wenn die Tomate ihr jämmerliches Dasein unter der Plastikfolie des Gewächshauses beendet hat und im Supermarkt auf ihren Käufer wartet, darf dieser sie nicht mehr wie früher in eine Plastiktüte verpacken, denn die ist aus dem Sortiment verbannt – sie wissen schon, die Ökologie.

Bauer Benjamin freilich ficht die offensichtliche Doppelmoral seines Wirtschaftens nicht an. Er führt uns auf YouTube noch durch sein Gewächshaus, vorbei an Tomatensträuchern, an denen mehr Tomaten hängen als Blätter. Die Pflanze hat’s halt mollig warm. Im Sommer wie im Winter. Sagt er selbst und fügt dann noch stolz an, dass er im Sommer weniger Energie verbraucht dank seiner technischen Tüfteleien. Früher, im Zeitalter vor der Landwirtschaftsindustrie, war die einzige Energie, die Bauern verbraucht haben, ihre eigene Muskelkraft. Aber was weiß ich schon. Ich ernte im Garten weniger Tomaten als Bauer Benjamin. Und das auch nur den Sommer über. Und manche werden noch nicht mal richtig rot. Aber dafür bin ich grün. Zumindest grüner als die Gewächshaus-Landwirte.