Rentner im Jenseits

Foto oben: Wenn der goldene Herbst des Lebens gekommen ist, brechen für Rentner in Zukunft womöglich harte Zeiten an – falls die Verrentung überhaupt noch zu Lebzeiten eintritt.

Was uns auch posthum noch an große Politiker erinnert, sind oft nicht ihre Gesichter oder ihre Verdienste, sondern besondere Sätze, die ihnen in ihrer politischen Karriere entfleucht sind. In vielen Fällen waren diese Sätze meist gar nicht so gemeint, wie sie dann am Ende interpretiert wurden. Manches wird unfreiwillig zu Ironie oder vielleicht Sarkasmus.

Letzteres ist mit dem berühmtesten Satz des ehemaligen Arbeits- und Sozialministers Norbert Blüm passiert. Der neben Heiner Geißler und Angela Merkel am weitesten links stehende Konservative der Nachkriegs-CDU hat einst in der Kohl-Ära die Urahnen der heutigen “besorgten Bürger” und Beitragszahler mit dem schlichten wie einprägsamen und salbungsvollen: “Die Renten sind sicher!” zu beruhigen versucht. Seinerzeit hat das prima funktioniert. Die Rentendabatte hat das zwar nur vorübergehend ins Koma versetzt, aber das dieser eine Satz heute so etwas wie das “Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen” der alten Bundesrepublik geworden ist, hat sicher weder Norbert Blüm noch irgendwer sonst im politischen Geschäft gedacht.

Grundsicherung, Grundrente, Grundzweifel

Heute liegt das deutsche Rentensystem einschließlich ihrer als jahrtausendfest konzipierten Berechnungs- und Finanzierungsgrundlagen in Trümmern. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Rentenkassen ist in etwa noch so ausgeprägt wie das Vertrauen in die Bundesregierung, eine wirksame Klimapolitik auf die Beine zu stellen. Und mitten in diese von Grundzweifeln an der einst so sicheren Rente geprägte Zeit platzt die Bundesbank auch noch mit einem neuen Vorschlag der Anhebung des Renteneintrittsalters auf 69 Jahre.

Wir erinnern uns noch gut an die Diskursmassaker, als um die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre gestritten wurde. Schon das hatten Gewerkschaften und Sozialverbände als grob falsch und unsozial gegeißelt und der Aufschrei nach dem neuerlichen Vorstoß dürfte nicht weniger heftig ausfallen.

Wenn Politiker Probleme ins Jenseits verlagern

Erstaunlich an den – in Europa eher ungewöhnlichen – Renteneintrittsaltererhöhungsfantasien ist übrigens, dass von den Initiatoren gar kein Hehl aus ihren eigentlich perfiden Absichten gemacht wird. Mit Verweis auf den demografischen Wandel und die zwangsläufige Finanzierungslücke muss nach Ansicht Jener zwangsläufig das Renteneintrittsalter nach oben gesetzt werden, damit der Sensenmann das Rentenproblem hoffentlich löst und die Politiker dies nicht mehr tun müssen.

Mit Verlaub, aber diese Erdreistung ist nicht nur angesichts von steigender Altersarmut und Pflegenotstand ein Skandal. Es ist schon schlimm genug, dass der Rentner an sich, der sich nach gefühlt lebenslänglicher Einzahlung in die Sozialkassen am Ende seines Arbeitslebens zu recht auf die finanziellen Früchte seines Arbeitslebens freut, in Wahrheit bis zum Krematorium geschröpft wird. Meine Mutter, Bewohnerin eines Pflegeheims und Zahlungspflichtige eines deutlich vierstelligen monatlichen Eigenanteils an ihrer Pflege, bekam erst neulich eine Aufforderung des örtlichen Finanzamtes, Steuererklärungen für die letzten vier Jahre nachreichen. Wie ihr geht es jährlich vielen Tausenden.

Ja, sie haben richtig gelesen, die Gelder, die Rentner durch ihre Rentenbeiträge von ihren kärglichen Nachkriegslöhnen hart erarbeitet haben, werden dann auch noch der Einkommenssteuer zugeführt. Dabei hat ja der Kämmerer bereits zugeschlagen und die Einkommenssteuer vom einstigen Bruttoverdienst sozusagen in Echtzeit abgezogen.

Wir sind es der Generation, die unseren Wohlstand erwirtschaftet hat und in den kommenden Jahren in Rente geht schuldig, nicht nur das Problem im Diesseits zu benennen, sondern es auch hier zu lösen. Das erfordert eine ehrliche Finanzierungsdebatte und keine Debatte darüber, wie man möglichst vielen (sterblichen) Rentnern ihre verdienten Leistungen vorenthalten kann.

Das Leben gehört den Lebenden – die Rente auch

Die Debatte wird ja sogar geführt – Stichwort “Steuerfinanzierung”. Aber es fehlt von Politikern ein klares Bekenntnis für den Schutz der Interessen der Rentner, wie es einst Norbert Blüm abzugeben versucht hat. Und das sage ich als vergleichsweise junger Mensch im Lichte des Wissens, dass ich bis zu meiner Verrentung, so ich diese erlebe, noch viel zu zahlen habe für diesen neuen Generationenvertrag.

Unsere Eltern haben damals auch mit warmer Hand gegeben und dabei kein Kleingedrucktes vorgelegt, in dem wir als ungeborene Kinder bestätigen mussten, in den kommenden Jahren den Zinseszins ihres Beitrages nicht anderweitig zu verjubeln. Von daher werde ich die gesellschaftliche Spaltung “Jung gegen Alt”, die da jetzt unterschwellig versucht wird, nicht mitmachen. Eine weitere Erhöhung des Renteneintrittsalters darf es in Deutschland nicht geben.