Tumulte im Vorgarten

Foto oben: Womit hat der arme Kürbis das nur verdient, so übel zugerichtet vom geheimnisvollen Pumpkin-Ripper? Oder war es nur die Mama mit dem Küchenmesser?

Ich sitze im Luftschutzkeller bei Kerzenlicht. Halt, nein. Ich übertreibe. Es ist nur mein gewöhnlicher Keller und die Kerze für die Romantik habe ich in der Küche vergessen. Der Raum wird nur vom Tablet beleuchtet, an dem ich diese Zeilen schreibe. Aber es fühlt sich an wie ein Luftschutzkeller, ein Schutzraum gegen die tumultartigen Szenen in unserem Vorgarten.

Diabetes oder Karies?

Beinahe im Minutentakt klingelt es in diesen Stunden an unserer Tür. Von Helikoptereltern begleitete Kinder brüllen uns die bohrende und immer gleiche Frage “Süßes oder Saures?” in den Flur. Bevor ich eben in den Keller verschwunden bin, um mich mit dem Schreiben dieser Zeilen zu beruhigen, war ich kurz bei einer Horde der kleinen Klingelgangster versucht, “Diabetes oder Karies?” als Gegenfrage zu antworten.

Schauen Sie mich nicht so an, diese Frage ist doch angesichts der erwiesenen Folgen des missbräuchlichen Konsums von Süßigkeiten wohl angebracht. Sind es nicht eben jene Helikoptereltern, die an den anderen 364 Tagen des Jahres ihren Kindern jeden Lutscher panisch aus der Hand reißen mit den mahnenden Worten: “Zucker ist Gift mein Schatz! Oder willst du später so aussehen wie Helmut Kohl!?”

Meine Gegenfrage fand ich auch deshalb angemessen, weil das Fest, das diese Kinder und ihre Eltern da feiern, doch auch etwas mit Gruseln zu tun hat? Oder sehe ich das falsch?

Ein Fest! Aber was für eines?

Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich mit den ganzen neumodischen Festen der Konsumgüterindustrie vom “Valentinstag” bis hin zu “Halloween” nicht mehr ganz mitkomme. Ich habe nur gehört, dass die Industrie da oft sehr geschickt auf religiöse Bezüge aufsattelt, wie man das mit dem Weihnachtsmann, der entgegen landläufiger Meinung NICHT die Reinkarnation von Jesus Christus ist, sondern nur der Fahrer des Coca-Cola-Trucks, auch getan hat. Nun hat eine investigative Recherche bei meiner Frau ergeben, dass es sich bei “Halloween” um die trump’sche Sprachvereinfachung von “All Hallows’ Eve”, also den Abend vor Allerheiligen handelt. Aha! Da ist es wieder, das katholische Abendland! Aber was zum Teufel kann der arme Kürbis dafür, der an Halloween so fürchterlich mit dem Küchenmesser zugerichtet wird? Egal, Hauptsache es gibt Chupa Chups in der Kioskbox und Werthers Echte vom Opa.

Ich muss Ihnen noch etwas gestehen: Meine Tochter ist gerade ebenfalls draußen unterwegs mit Nachbarskindern, um ein paar Süßigkeiten zu ergattern. Ich habe natürlich nichts dagegen. Man ist ja kein Rabenvater. Und trotzdem kann ich nur unterstreichen, wie sehr mir der sich seit den Neunziger Jahren fast epidemisch verbreitende Halloween-Brauch auf die Nerven geht.

Jäger und Sammler

Nun mag mir der eine oder andere pädagogisch Gelehrte mit einer gewissen Berechtigung entgegenhalten, dass das “Jagen und Sammeln” an Halloween doch eigentlich gar nicht der schlechteste Brauch ist und vielleicht auch besser, als würden die Kids die Zeit vor dem Fernseher oder bei Videospielen verbringen. Aber auch da habe ich – in meiner Keller-Trutzburg zu Hochform auslaufend – gute Gegenargumente parat. Denn es wird ja hier ein völlig falsches Bild unserer Leistungsgesellschaft vermittelt. Klingle einfach an irgendeiner Tür und sammle bunte Süßigkeiten ein. Wenn das so einfach wäre, müsste der Obdachlose, der selbiges Tag für Tag in der S-Bahn tut und da noch nicht einmal nach Süßigkeiten, sondern nach gesundem Essen oder Kleingeld fragt, keine Sorge um sein Dasein mehr haben. So funktioniert es aber bekanntlich nicht.

Müll sammeln – Halloween für Hartgesottene

Bitte rollen Sie jetzt nicht mit den Augen, aber als Kind des Unrechtsstaates DDR kann ich es Ihnen es an dieser Stelle leider nicht ersparen, Sie mit der Halloween-Version des Ostblocks zu konfrontieren. Das nannte sich auf sächsisch: “Aldschdoffe sammln”. In meiner Kindheit sind wir dann nicht nur einmal im Jahr, sondern regelmäßig mit dem Handwagen durchs Wohngebiet getingelt und haben von den Nachbarn leere Flaschen, Altpapier und andere verwertbare Stoffe wie Altmetall oder auch Plastik gesammelt. Dies haben wir dann zu einer Annahmestelle gebracht und dort gab es – meist nach Gewicht auf den Pfennig genau berechnet – ein paar Groschen für das Taschengeld. Wenn wir besonders fleißig waren, hat es dann tatsächlich mal für eins, zwei Lutscher pro Nase gereicht. Falls diese in der Konsum-Kaufhalle nicht gerade vergriffen waren.

Und heute? Ein in China zusammengenähtes Gruselkostüm von Spiele Max übergestülpt, 14 Mal geklingelt, “Süßes oder Saures” gebrabbelt und schon ist ein ganzer Jutebeutel voll mit süßen oder sauren Naschereien zusammengekommen.

Zurück bleiben genervte Hausbewohner, bergeweise zerknülltes Bonbonpapier auf dem Gehweg und irgendwann muss der Zahnarzt den Bohrer ansetzen.

Wie gut, dass meine Tochter irgendwann aus diesem Alter heraus ist und ich meinen Keller habe. Sonst wäre das alles nicht mehr auszuhalten. Wie gut – morgen ist der Spuk erstmal vorbei.