Unwissende Wissenschaftler

Gerade in unserer heutigen Zeit kann man dem Sonntag gar nicht dankbar genug für seine Existenz sein. Und wenn er dann wie an diesem Oktobersonntag dank Zeitumstellung eine Stunde länger ist als sonst – wunderbar! An keinem anderen Tag in der Woche gelingt es mir nämlich sonst noch, ausführliche Artikel oder Interviews in der Presse zu lesen. Denn die Zeit ist sonst einfach nicht. In der Woche hat man meist genau dann, wenn man in einem Interview an der interessantesten Stelle angenommen ist, seinen Ziel- oder Umsteigebahnhof in der U-Bahn erreicht. Und am Sonnabend halten Einkäufe und andere Verpflichtungen regelmäßig von der geistreichen Lektüre ab. Um so magischer sind jene Sonntage, an denen man ein gutes Interview liest, das dann Inspiration für Blogbeiträge wie diesen sind.

In diesem Fall muss ich mich beim Berliner Tagesspiegel bedanken, der dieses höchst aufschlussreiche Interview mit dem Soziologen Heinz Bude führte und in meine Twitter-Timeline spülte. Dabei stolperte ich auf halber Lesestrecke über etwas, das eigentlich gar nicht zum Hauptthema des Gespräches gehört. Aber der Aufreger war einfach perfekt:

Ein heimatloser Antikapitalismus stiftet irre Querallianzen und kalter Technofuturismus á la Elon Musk sieht für einige wenige eine Zukunft auf dem Mars. So wird die Bühne für autoritäre Rebellen bereitet, die links zu rechts und rechts zu links erklären und allen Schutz versprechen.

Um den Kontext zu wahren, muss ich hier fairerweise einschieben, dass es in dem Interview vorrangig um die Thüringen-Wahl und das allseits erwartete Erstarken vor allem des rechten Randes ging. Viele dazu geäußerte Gedanken teile ich sogar. Mein Gemüt erregt hier etwas vollkomnen Anderes.

Die Hybris des Gelehrten

Ich vermute, dass Heinz Bude nicht der einzige Soziologe ist, der von Technik und ihrer Macht, unser Leben zu verbessern, rein gar keine Ahnung hat. Und was Herr Bude und seinesgleichen intellektuell nicht zu durchdringen vermögen, ist dann eben “kalter Technofuturismus á la Elon Musk”. Und der ist auch noch – jetzt wird es absurd – indirekt für das Erstarken politischer Ränder und des Rebellentums verantwortlich!

Da möchte man doch zunächst erstmal wissen, was Herr Bude und andere Soziologen denn so an Ideen zur Verbesserung unsere Lebens in Zukunft beizutragen haben. Die Soziologie wird – bei allem Respekt – im Rennen um die Lösung unserer drängenden Zukunftsprobleme wie Klimawandel und Verkehrskollaps jedenfalls eine eher untergeordnete Rolle spielen. Und Elon Musk? Der betreibt eben genau keinen kalten Technofuturismus, sondern macht sich Gedanken darüber, wie man im erhitzten Klima noch guten Gewissens autofahren kann. Oder wie man angesichts von Überbevölkerung und knappen irdischen Ressourcen den Weltraum besiedelt. Im Lichte der tatsächlich immer konkreter werdenden Angst, ob unsere Erde auch in tausend Jahren noch bewohnbar sein wird, ist das nicht etwa gefühlskalt, sondern im besten Sinne humanistisch. Es ist sogar das glatte Gegenteil von dem, was Bude da indirekt unterstellt. Es bereitet keinem wie auch immer gearteten Extremismus den Weg, sondern verhindert selbigen womöglich sogar. Denn geht es nach Musk’s Mars-Besiedelungsideen, käme man damit möglichen “Mad Max”-Dystopien auf der Erde zuvor. Und hätte Bude bei Musk’s Präsentationen genauer hingehört und nicht nur die Überschriften gelesen, wüsste er auch, dass die Kolonien, die SpaceX da im Sinn hat, eben nicht nur für einige Wenige gedacht sind. Und im Übrigen versteht sich das Unternehmen von Elon Musk als Transporter, nicht primär als Erschaffer neuer Welten. Das überlässt der Raketebauer Musk der Fantasie anderer wissenschaftlicher Visionäre.

Zurück auf die Erde. Was ich behaupte, ist folgendes: Soziologen verstehen Ingenieure nicht und umgekehrt. Aber alle Gelehrte einer Wissenschaft haben irgendwie einen Absolutionsanspruch für ihre eigenen Forschungen. Analogien findet man auch in der Medizin wenn es um den nach wie vor nicht aufgelösten Widerspruch zwischen der Somatik und der Psychologie geht. Der Internist kann sich beispielsweise oft nicht vorstellen, dass Magenschmerzen auch in einem organisch vollkommen gesunden Magen auftreten können, während der Psychosomatiker gern für alle unerklärlichen Beschwerden zunächst die Ursache in der Seele annimmt.

Die Wissenschaftler würden der Menschheit, in deren Diensten sie stehen, viel effektiver helfen, wenn sie nach den Prinzipien der Schwarmintelligenz vorgehen würden. Wenn sich also Soziologen auch mal fragen würden, was Ingenieure dazu beitragen können, eine von ihnen empirisch diagnostizierte gesellschaftliche Schieflage aufzulösen. Die Befunde dafür dürfen sie gern weiter liefern, aber um die Lösungen machen sich dann besser andere Wissenschaftszweige im Schwarm gedanken. Und der Soziologe hält dann vielleicht auch einfach mal den Mund und staunt, wenn die Marsrakete mit über einhundert Menscheb vom Weltraumbahnhof abhebt.