30 Jahre – eine Erinnerung

Ja, auch ich habe – obwohl damals noch sehr jung – meine prägenden Erfahrungen mit dem Mauerfall gemacht, der sich dieser Tage zum 30. Mal jährt. 30 Jahre. Fürwahr eine lange Zeit, die für viele Menschen in unserem Land inzwischen so lange her ist, dass die Erinnerungen zu verblassen beginnen und manche Zeitzeugen eher dichten als berichten, wenn sie von den Ereignissen des 9. November sprechen.

Ja, es war ein freudiges Ereignis. Die vor allem aus dem Osten betrachtet scheinbar unüberwindliche Mauer pulverisierte sich in jenem November des Jahres 1989 und ebnete den Weg für die deutsche Wiedervereinigung und die Freiheit Derer, die hinter der Mauer eingesperrt waren. Denn das waren ja beileibe nicht nur die DDR-Bürger. Gerade auch die Bewohner West-Berlins waren durch den Fertigbeton-Irrsinn um ihre Stadt der eigenen Freiheit und Entfaltung beraubt, auch wenn sie, die West-Berliner, leichter reisen konnten als ihre Landsleute auf der anderen Seite der Mauer.

Dann kam der 9. November und der Fall dieses deutsch-deutschen Ungetüms, der eigentlich zunächst ein politisches Missverständnis innerhalb der zerbröselnden DDR-Regierung war. Das aber interessierte damals wie heute nur die Wenigsten. Zu überwältigend war für die meisten Menschen der Gedanke, einfach mit dem Trabant oder zu Fuß gen Westen zu können und das “drüben”, das viele “Ossis” nur aus dem “Westfernsehen” kannten, endlich auch mit eigenen Augen und Ohren erkunden zu dürfen.

Manche blieben einfach. Ich zunächst auch.

Ich kann mich noch gut an den grauen Tag an jenen Donnerstag erinnern und vor allem an den Freitagmorgen, an dem ich wie immer meine Schule im Ost-Berliner Stadtteil Lichtenberg aufsuchte. Ich hatte natürlich am Vorabend gebannt die Nachrichten mit meinen Eltern verfolgt. Dennoch kam mir als Siebentklässler am Morgen des 10. November nichts anderes in den Sinn, als ausgerechnet zur 1. Stunde das Fach Staatsbürgerkunde – kurz: “Stabi” – zu besuchen. Dieser Unterricht, der in der DDR ab der 7. Klasse dazu gedacht war, aus den Pionieren politisch perfekt eingestellte Erwachsene und Sozialisten sowie möglichst Parteigänger der SED zu machen, war natürlich das extreme Kontrastprogramm zu dem, was da am Vorabend in der ZDF-heute-Sendung bei uns daheim lief.

Und doch war es für mich selbstverständlich, die Schule an diesem Freitag zu besuchen, denn damals streikte man noch nicht fürs Klima und schwänzte schon gar nicht den Stabi-Unterricht. Dachte ich. Denn außer mir war nur noch ein Mitschüler im Klassenraum und natürlich unsere politisch korrekte Staatsbürgerkunde-Lehrerin, die jedoch in dieser denkwürdigen Stunde ein Bild des Jammers abgab.

“Es bricht alles zusammen”

Obwohl das Vertuschen unbequemer Nachrichten eigentlich zur Paradedisziplin von derlei Pädagogen gehörte zu jener Zeit, gab sich die Dame im leeren Klassenzimmer vor unserem Antlitz keine Mühe, ihre innere Zerrüttung irgendwie zu kaschieren. Vielmehr sah sie die Apokalypse kommen und erzählte uns, dass die Abwesenden alle nicht wiederkommen würden. “Es bricht alles zusammen”, seufzte die Lehrerin, bevor wir den Unterricht kaperten und mit allerlei aus heutiger Sicht furchtbar infantilen Scherzen noch eine schwarzhumorig-lustige Rest-Halbstunde auf die Beine stellten. Eigentlich hätten wir uns dafür ein “Bienchen” verdient gehabt – jene Kopfnote, die man in der DDR-Schule, besonders fleißigen Schülern ins Hausaufgabenheft stempelte.

Dann ging ich doch noch. Und kam wieder.

Am Abend dieses Freitags, dem 10. November, saßen wir wieder gebannt vor dem Fernseher. Noch immer flimmerten dort unbegreifliche Bilder von hupenden Trabbis an ehemaligen Grenzposten über die Bildschirme und erst jetzt schien auch mir so richtig klar zu werden, dass der eiserne Vorhang rostig und löchrig geworden war. Ich war damals noch sehr jung und dennoch schon politisch interessiert. Seit dem Frühsommer 89 war in meiner Gedankenwelt die Wende da. Eingeläutet durch die Ereignisse auf dem Pekinger Tianmen-Platz und vor allem die unterschiedlichen Nachrichten dazu im Ost- und West-Fernsehen. Das machte mir klar, dass es zwischen den Polen in Ost und West irgendwann eine Spannungsentladung geben muss, einen Blitzeinschlag, der alles auf einmal verändert. Das war der 9. November und der 11. November – ein Sonnabend – sollte dann der Tag werden, an dem ich mit meinen Eltern am Grenzübergang Sonnenallee erstmals West-Berliner Boden betrat.

Es wurde ein langer Tag mit allem, was man sich dazu ausmalen kann: Anstehen fürs Begrüßungsgeld vor einer Sparkassenfiliale nahe des Karstadt-Kaufhauses am Herrmannplatz, Staunen über die Glitzerwelt in den Konsumtempeln der westlichen Stadt und natürlich der erste Döner-Kebab mit Knoblauchsoße. Das war lange nach Einbruch der Dunkelheit der Höhepunkt unseres Ausfluges in die andere Welt, ein Abendbrot mit Döner in einem türkischen Imbiss am Südstern. Und der Wirt, der mich mit seinem nahezu akzentfreien Deutsch verblüffte, hat uns beim Verlassen des Lokals noch hinterhergerufen: “Und grüßt mir Erich Honecker.”

Das haben wir natürlich nicht getan. Wie auch. Der Mann war für uns genauso unerreichbar wie wenige Tage zuvor der Döner-Imbiss am Südstern. Aber wir haben den Abend wie auch den ganzen Tag in guter Erinnerung behalten. Und doch führte uns unser Weg noch vor Tagesende wieder nach Hause in den Ost-Teil der Stadt, ganz als wollte ich meine Staatsbürgerkunde-Lehrerin Lügen strafen.

Heute bin ich dankbar dafür, diese spannende Zeit persönlich miterlebt zu haben. Man sollte aber bei aller Freude über das Geschehene auch nicht vergessen, dass der 9. November und alles drumherum für manche Menschen in der untergehenden DDR auch große persönliche Brüche zur Folge hatte. Meine Staatsbürgerkunde-Lehrerin, auch wenn ich mich nur verschwommen an sie erinnern kann, dürfte eine von diesen Menschen sein. Ich hoffe, auch sie hat mit der Zeit ihren Frieden gefunden und das Gute in den Ereignissen des 89er Herbstes entdeckt.