Fliehen von dort wo andere hinwollen

Ist das nicht eine furchtbar traurige Überschrift über einen Artikel, der von meiner Heimatstadt Berlin handeln soll? Ja, ich finde es auch erschreckend, dass ich mich mit meiner Stadt so auseinander gelebt habe. Schlimmer noch: Berlin ist mir in den vergangenen Jahren regelrecht fremd geworden. Woran liegt das?

Von der geheimnisvollen Enklave zur austauschbaren Metropole

Als ich Ende der siebziger Jahre in dieser Stadt geboren wurde, bestand sie aus zwei chirurgisch präzise getrennten Teilen, die – jeder Teil für sich und auf seine besondere Weise – geheimnisvolle Enklaven waren. Insbesondere das “West-Berlin” war ein unerreichbarer Ort klaustophobischer Ängste ohne eine Anziehungskraft für Touristen oder gar Zuwanderer. Letzteres war im Osten der Stadt ähnlich – wenn auch aus anderen Gründen.

Mit dem Fall der Mauer, der Wiedervereinigung und damit der Überwindung von Berlins Teilung, änderte sich zunächst weniger als gedacht. Natürlich zog die neue, alte Hauptstadt nun wieder mehr Menschen an, aber die gesunde Skepsis gegenüber der Stadt blieb bestehen. Das änderte sich erst so um 2006, als Berlin unter anderem Austragungsort der Fußball-Europameisterschaften wurde und somit einen weiteren Grund für Besuch oder Zuzug lieferte. Im Sog dieser Großereignisse und dem zeitgleich aufkommenden Städtetourismus wurde Berlin plötzlich zum wahren Besuchermagneten.

“Arm, aber sexy”

Berlins ehemaliger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit über seine Stadt

Nicht wenige dieser Touristen, die sowohl aus allen Ecken Deutschlands, als auch aus europäischen Ländern kamen, fanden an Berlin so großen Gefallen, dass sie gleich bleiben mussten – oder zumindest regelmäßig wiederkamen. Manche kauften sich prompt Immobilien in Bestlage als Kapitalanlage oder eben als Zweitwohnsitz. Die Stadt veränderte sich nun rasant, wurde voller, größer und teurer.

“Gentrifizierung” nannte man diese schleichende Verdrängung von “Ur-Berlinern” wie mir und deren Austausch durch schwerreiche Kosmopoliten aus London, New York oder gar Moskau. Nun mag man einwenden, dass diese oder eine ähnliche Entwicklung in beinahe allen westeuropäischen Hauptstädten irgendwie vonstatten geht. Das stimmt in gewisser Weise sogar, macht die Entwicklung “meiner” beschaulichen Heimatstadt von einst deswegen aber noch lange nicht erträglicher.

Hinter den renovierten Fassaden verstecken sich die Probleme

Über die Kaschierung der sozialen Probleme durch den Zufluss von Geld und Menschen schreibe ich hier nur am Rande. Dazu gibt es umfangreiche Abhandlungen und Einordnungen jeglicher politischer Couléur. Es liegt natürlich auf der Hand, dass die eigentlich von Arbeitern, Unterschicht und einfachen Bürgern geprägte Stadt durch den Zuzug einer völlig neuen, meist gut betuchten sozialen Klasse regelrecht gespalten wurde. Eine “Mitte”, die in dieser Stadt “gut und gerne lebt” hat es so ohnehin nicht gegeben. Mit der Gentrifizierung und den Eigentumswohnungen aggregieren sich die sozialen Spannungen und treten offen zu Tage, wo sie zuvor schlicht nicht aufgefallen sind.

Mich stößt an Berlin aber inzwischen etwas ganz anderes ab, und das hat überhaupt nichts mit Klassenkämpfen oder der sozialen Frage zu tun. Mir ist es hier einfach zu voll.

Menschen, Hunde und Nebelkrähen

Ich habe, fast in einer Art düsterer Vorahnung, bereits vor rund 15 Jahren meinen Wohnsitz aus der Stadtmitte an den südlichen Rand verlegt. in der sogenannten City könnte ich heute gar nicht mehr leben. Selbst in den früher verschlafenen Randbezirken drängeln sich heutzutage morgens Menschenmassen auf den S-Bahnhöfen, um einen Platz im Zug in Richtung Büro im City-Umfeld zu ergattern. Und ich muss mich dann mittendrin behaupten. Vor rund 10 Jahren noch stand ich manchmal in der Frühe allein auf demselben Bahnsteig und konnte lediglich die Nebelkrähen beobachten, die in den Papierkörben des Bahnsteiges nach Futter suchten.

Die Nebelkrähen sind heute noch da, haben sich ebenso vermehrt wie die Menschen – die machen schließlich auch die Papierkörbe voller und liefern den schaurigen Vögeln mehr Futter. Auf dem Weg zum Bahnhof muss man zuvor noch aufpassen, nicht in einen Hundehaufen zu treten. Denn auch die Vierbeiner, mit denen sich die vielen Singles in der anonymen Großstadt ihre Einsamkeit betäuben, vermehren sich ebenfalls. Und wenn man nicht in einen Hundehaufen getreten ist, ist man stattdessen vielleicht über einen elektrischen Mietroller gestolpert oder von einem Kampfradler angefahren worden. Es ist einfach zu viel. Es sind einfach zu viele.

Ich will gehen und muss doch bleiben

Es wäre mir ein Vergnügen, nach über 40 Jahren in dieser Stadt nun einfach zu gehen. Mit der Familie irgendwo auf das Land ziehen, zurück in die Natur, weg von den Menschenmassen, die meine Stadt heimgesucht haben. Und doch wird das so schnell nicht passieren, denn wirtschaftlich hat mich Berlin sozusagen gefesselt. Hier ist Arbeit, hier kann man den Lebensstandard halten, das Land ist wirtschaftlich abgehängt. Ich werde mich also mit der mir fremden Stadt weiter arrangieren müssen – bis die Rente mir ein Leben in Ruhe fernab der Großstadt ermöglicht.