Warum die Gigafactory ein Glücksfall ist

Foto oben: Ein Porsche Taycan voraus. Auch Konkurrent Tesla wird seine schneidigen Elektroautos wohl bald in Deutschland fertigen.

Sie kommt. Nach vielen industriepolitischen Rückschlägen, Produktionsverlagerungen ins Ausland und Firmenpleiten kann Deutschland einen Achtungserfolg für sich verbuchen. Tesla-Gründer und CEO Elon Musk kündigte am Rande der Verleihung des “Goldenen Lenkrad” für sein Model 3, zu der er überraschend persönlich erschienen war, quasi im Nebensatz an, seine seit langem geplante europäische “Gigafactory” in Grünheide vor den östlichen Toren Berlins bauen zu wollen. Das ist schon so etwas wie “Breaking News”, denn Tesla greift damit die deutsche Autoindustrie, die Musk ohnehin schon vor sich her treibt, quasi in deren Wohnzimmer an.

Musk spielt den Herzschrittmacher

Ob es sich hierbei jedoch um einen echten Angriff oder vielleicht eher um einen Antrieb handelt, werden wir bald wissen. Vieles spricht jedenfalls für ein “sowohl als auch”. Denn dass Musk diese dritte, für die Bedienung des prestigeträchtigsten europäischen Automarktes gedachte, Gigafactory in Deutschland baut, ist auch eine Art Verbeugung vor der deutschen Branche. Musk hat die Verbrennungsmotor-Fetischisten der deutschen Zunft zwar gern gepiesackt, gleichzeitig aber auch oft seine Bewunderung für deutsche Ingenieurskunst zum Ausdruck gebracht. Nicht umsonst hat er sich vor allem in der Frühphase der Tesla-Produktion gern mit erfahrenen deutschen Automanagern umgeben und von diesen beraten lassen.

“If you didn’t fail, you haven’t been innovative.”

Elon Musk

Darüber hinaus pflegt Musk ausgerechnet mit Volkswagen-Chef Herbert Diess eine – vorsichtig formuliert – gute Bekanntschaft. Musk selbst war es, der den VW-Boss gegen Kritik aus der heimischen Branche (sic!) wegen des radikalen Kurswechsels von Volkswagen zur reinen Elektromobilität verteidigte.

Auch wenn er das nie so offen zugeben würde, glaube ich, dass Musk viel lieber mit der deutschen Autoindustrie die Welt erobern will als gegen sie.

Weckruf für die Platzhirsche

Jetzt wird sich bald zeigen, ob die deutsche Autoindustrie die Zeichen der Zeit richtig zu deuten im Stande ist. Volkswagen kann man dahingehend keine Vorwürfe machen. Mit dem ID.3 ist kürzlich in Zwickau die Produktion des als “deutsches Model 3” gehandelten ersten komplett neu aufgesetzten Elektroautos angelaufen. Aber ausgerechnet der deutsche Elektroautopionier BMW schwächelt zurzeit und schwadroniert lieber von ineffizienter Wasserstoff- und Hybrid-Technologie anstatt den i3 zu verjüngen oder mit dem i4 um die Ecke zu kommen. Daimler, einst sogar Minderheitsaktionär bei Tesla, hat Probleme mit der Qualität seines Elektroerstlings EQC und Audis eTron bekommt zwar viel Lob, bietet aber für über 80.000 Euro Kaufpreis weniger Reichweite als vergleichbare Tesla-Modelle. Porsches Taycan wiederum schickt sich an, Tesla wenigstens technologisch abzufangen, dafür macht der Kaufpreis das Auto zeitlebens zum Nischenprodukt. Es bleibt also noch viel zu tun für die deutsche Industrie, die bald auch räumlich auf Tuchfühlung mit Tesla ist.

Glücksfall Gigafactory – auch jenseits der Autobranche

Die spektakuläre Tesla-Investition in Deutschland ist aber auch abseits der Automobilindustrie ein Glücksfall für Deutschland. Sie zerstreut zuletzt vermehrt aufgekommene Zweifel daran, ob die De-Industrialisierung Deutschland überhaupt noch aufzuhalten ist. Jetzt zeigt sich: Argumente für sich hat der Produktionsstandort Deutschland nach wie vor genug. Und es kommt noch besser: Teslas Gigafactory hat angesichts ihrer Größe das Potenzial, eine Staubsaugerwirkung auf weitere potenzielle Ansiedelungen der Auto- und Batterieproduktion auszuüben. Tesla braucht Zulieferer und lockt Fachkräfte an. Diese Standortvorteile werden sich auch andere Investoren in den kommenden Jahren genau ansehen. Wenn die Fabrik schnell kommt und es kein zweites Cargolifter-Desaster gibt. Doch fiese Zweifel einiger Musk-Kritiker, die verblüffend oft in deutschen Medienhäusern anzutreffen sind, teile ich nicht. Bislang hat Musk immer geliefert – zugegeben manchmal später als angekündigt. Aber das ist halt PR der amerikanischen Schule. Damit kennen sich die Verantwortlichen des Gigaflughafens BER ja auch sehr gut aus. Vielleicht sollte man Musk bitten, diesen Pannen-Flughafen fertig zu bauen? Er würde vermutlich gleich einen Weltraumbahnhof daraus machen – sowas wünschten sich unlängst jedenfalls auch diverse Politiker und Verbandsfunktionäre der Wirtschaft.