Das Jahr des schwarzen Schwans

Es ist später Nachmittag an diesem vorletzten Tag des Jahres 2019. Ich bin allein im bereits weitgehend nachtdunklen Wald nahe des Dorfes unterwegs. Nichts ist zu hören – abgesehen vom Klang meiner Schritte auf dem Schotterweg. Das war es also mit dem Jahr 2019 – die Zeit des Jahresrückblicks ist gekommen.

Es fällt nicht schwer, dieses letzte Jahr des zweiten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts zu charakterisieren. Wesentlich schwerer fällt es mir, ihm etwas Gutes abzugewinnen. Es war das Jahr des schwarzen Schwans, ein mysteriöses, seltenes und anmutiges Tier, das in längst vergangenen und oft noch vom Aberglauben geprägten Zeiten als Vorbote düsterer Ereignisse gedeutet wurde. Und so ist es mit 2019.

Der unsichtbare Borkenkäfer

Ich gehe ein paar Schritte weiter durch den fast dunklen Nadelwald. Mein Blick fällt auf einen Stapel Baumstämme am Wegesrand. Ich kenne dieses Waldstück wie mein Wohnzimmer und habe bereits beobachtet, dass hier ungewöhnlich viel Holz eingeschlagen wurde seit dem Sommer. Das ist eine forstwirtschaftliche Notmaßnahme, denn der Borkenkäfer hat in den letzten zwei Jahren, besonders aber in diesem, leichtes Spiel gehabt. Nach trockenen, frostarmen und im Sommer oft heißen Zeiten hat sich der Waldschädling explosionsartig vermehrt und seine Brut lauert in den bereits schwer geschädigten Bäumen schon auf eine erneute Vermehrung. Deshalb muss das befallene Holz schnellstmöglich entfernt werden und daher der massive Einschlag in diesem Waldstück. Die Forstschäden durch den Borkenkäfer können damit leider maximal eingedämmt werden. Schon jetzt zeigt der Waldschadensbericht die „grüne Lunge“ Deutschland als einen schwer kranken Patienten, dem neben dem gefräßigen Insekt zwischen Baum und Borke auch der Klimawandel und die extreme Witterung zusetzt.

Der aufgebrachte Hund

Einige hundert Meter weiter habe ich den Wald verlassen und biege auf einen erst kürzlich asphaltierten und daher äußerst beliebten Wanderweg ein. Selbst in dieser Dunkelheit jetzt so kurz nach der Wintersonnenwende ist man hier nur selten allein unterwegs. Eine Hundebesitzerin nähert sich mir samt ihrem akkurat angeleinten Vierbeiner. Ich habe seit meiner frühen Kindheit vorsichtig ausgedrückt höchsten Respekt vor Hunden, halte sie bis heute für unberechenbar. Noch bevor das Tier mich anbellt, ahne ich, dass genau dies gleich geschehen wird. Ich weiß nicht, was das Tier gegen mich hat, aber es ist eine symptomatische Szene, die so wunderbar in diesen Jahresrückblick passt. Wir haben uns 2019 eigentlich alle vorwiegend angebellt – ob zuletzt bei der heftigen Diskussion über das #OmaGate oder bei der Tempolimit-Debatte, die sich wie ein roter Faden durch 2019 zog und jüngst noch einmal an Schärfe zugenommen hat.

Diskurse sind wichtig und zeigen die Lebendigkeit unser tot gesagten Demokratie. Beängstigend aber ist, dass die Argumente, die einen Diskurs idealerweise prägen, zuletzt häufig durch dumpfes Getöse, Beleidigungen oder inflationäre Nazi-Vergleiche ersetzt wurden. So kommen wir im nächsten Jahrzehnt nicht weiter. So leidet unser gesellschaftlicher Zusammenhalt, so werden fruchtbare Diskussionen und Lernprozesse verhindert.

Das angefahrene Reh

Als das Hundegebell sich von mir entfernt und schließlich verstummt, muss ich an den Heimweg von neulich denken. An einer Lichtung nur wenige Kilometer entfernt von hier ist mir ein junges Reh vor das Auto gelaufen. Dank nicht allzu hoher Geschwindigkeit und einem verzweifelten Ausweichmanöver ist dabei nicht viel passiert. Das Reh konnte fliehen, sein Schicksal bleibt angesichts des spürbaren Aufpralls aber ungewiss. Ich habe den Vorfall wie vorgeschrieben Polizei und über diese dem Förster gemeldet und somit alles getan, was in einer solchen Situation zu tun ist. Und doch hinterlässt der Zwischenfall ein Gefühl der Hilflosigkeit: Es taucht etwas plötzlich aus der Dunkelheit auf und gibt mir keine Chance mehr, einen Unfall zu verhindern.

Ein ganz ähnliches Gefühl der Hilflosigkeit beschleicht viele Menschen seit diesem Jahr auch bei dem Gedanken an den immer deutlicher werdenden Klimawandel. Dieser kommt zwar nicht so unerwartet wie das Reh, welches plötzlich im Lichtkegel meiner Frontscheinwerfer auftauchte. Aber es geht wohl nicht nur mir so mit der Befürchtung, dass ein Gegensteuern im Kampf gegen den Klimawandel womöglich bereits zu spät kommt. Haben wir zu spät mit dem Bremsmanöver begonnen, haben uns zu lange in der Sicherheit gewähnt, dass schon kein Reh auf die Straße beziehungsweise keine Klimakatastrophe über uns kommen wird? Und nun wird uns nach und nach klar, dass wir drastische Maßnahmen ergreifen müssen, um den Aufprall noch zu verhindern, also eine sogenannte „Vier-Grad-Welt“ noch abzuwenden. 2019 war das Jahr des Ringens um diese drastischen Maßnahmen. Und in den kommenden Jahren werden wir alle zu spüren bekommen, dass Klimaschutz kein Vergnügungsurlaub ist und wir uns von Lebensstandard und Lebensqualität verabschieden müssen, um letztere langfristig zu sichern.

Der schnatternde Vogelschwarm

Kurz vor dem Ende meines Spaziergangs begegne ich noch einem Tier oder besser gesagt einem ganzen Schwarm davon. Aufgrund der nun fast völligen Dunkelheit bin ich selbst als passionierter Hobby-Ornithologe nicht im Stande, die Vogelart genau zu deuten. Es könnten Gänse auf dem Durchzug gewesen sein – wer weiß. Das Bild des Vogelschwarms beschließt diesen düsteren Jahresrückblick doch noch mit ein wenig Hoffnung. Denn der Schwarm ist tatsächlich auch in 2019, viel mehr aber noch im nun anbrechenden Jahrzehnt, der Schlüssel zu einer Trendwende. Wir können die enormen Herausforderungen durch Klimawandel, Handelskonflikte, gesellschaftliche Spaltung, Rezession und demografischen Wandel nur gemeinsam lösen.

Es wird dabei ganz sicher nicht helfen, die Oma als „Unweltsau“ zu verunglimpfen. Wir müssen vielmehr mit Oma reden. Ihr Wissen und ihre Lebenserfahrung nutzen, um Lösungen für die Probleme unserer Generation zu finden. Wir müssen wieder lernen, zuzuhören und miteinander zu sprechen, anstatt uns wütend anzubellen wie der Hund zu Beginn meines Abendspazierganges.

Der Vogelschwarm am Abendhimmel macht es richtig. Die Tiere fliegen Formation. Jeder Vogel hat seinen Platz in der Gemeinschaft. Sie schnattern, kommunizieren miteinander. Und wenn es die Situation erfordert, ändert der Schwarm seine Richtung, korrigiert den Kurs. Am Ende kommen alle gemeinsam ans Ziel. Wir haben in 2019 schon bewiesen, dass wir das können – Schwarmintelligenz! Man denke nur an das Klimapaket, um das schwer gerungen wurde und das schon vor seiner Umsetzung mit einem höheren CO2-Preis nachgebessert wurde. Es ist noch lange nicht perfekt, aber wir können gemeinsam weiter daran arbeiten. Wir können lernen, wir müssen es. Und wir müssen die Lernkurve in den 2020er Jahren steil halten, um verlorenen Boden an den verschiedenen Fronten gutzumachen.

Ich bedanke mich bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, für die Aufmerksamkeit und wünsche ein gutes neues Jahr. Möge der vom Aussterben bedrohte schwarze Schwan auch das kommende Jahrzehnt überleben, aber nicht als Bote düsterer Nachrichten, sondern als anmutiges Tier und Farbtupfer in einer lebendigen (Um)Welt.