Schneekanonen: Realitätsverweigerung und Notwehr

Als jemand, der seit knapp 25 Jahren Winter für Winter große Freude und Erholung beim jährlichen Skiurlaub im Hochgebirge findet, bin ich in Sachen Klimawandel sozusagen Täter und Opfer gleichermaßen. Zwar werden viele Ski-Resorts durch zertifiziertes Umweltmanagement, erneuerbare Energien und Renaturierungskonzepte immer „grüner“, doch steht der Skitourismus dennoch nicht ganz zu Unrecht in Verruf, von „Umweltsäuen“ betrieben zu werden.

So gesehen muss ich es fast als gerechte Strafe hinnehmen, dass ich praktisch von Jahr zu Jahr geringere Chancen auf gute Schneebedingungen in meinem Urlaubsgebiet habe. Der Skisport wird über kurz oder lang in Gänze dem Klimawandel zum Opfer fallen – da bin ich mir sicher. Schon heute sind die vielen Skistationen, die sich in Höhen unterhalb 1.500 Metern Seehöhe befinden, akut bedroht.

Die wohl bekannteste und bislang auch wirksamste „Klimaanpassungsmaßnahme“, nämlich die Schneekanone, verhindert in diesen Urlaubsorten (noch) schlimmeres. Aber das Surren der wasser- und energieintensiven Wundermaschinen ist eben auch ein stückweit Realitätsverweigerung, die sich über kurz oder lang von selbst erledigt hat. Denn Kunstschnee kann bislang aus physikalischen Gründen nur bei Minusgraden produziert werden und benötigt auch eine eisige oder aus Naturschnee bestehende Unterlage.

Die Schadenfreude der Palmen-Urlauber

Wenn man nun in Medienberichten zu diesem nicht so ganz neuen Problem nachliest und sich insbesondere die Kommentare unter solchen Artikeln zu Gemüte führt, schlägt den vom Klimawandel geplagten Skifahrern wie mir dort oft Häme, Spott und Schadenfreude entgegen und das gern auch mal von Leuten, die eine Woche später Palmen-Fotos aus ihrem Seychellen-Urlaub bei Instagram teilen.

Und gänzlich unter den Tisch fallen in der aufgeheizten Diskussion über den Skitourismus im Klimawandel Diejenigen, die die echten Opfer seines Endes sein werden. Die Schneekanonen und Beschneiungsanlagen sind nämlich nicht nur Zeugnis einer gewissen Realitätsverweigerung, sondern auch schlicht und ergreifend Notwehr. Nehmen Sie beispielsweise mein diesjähriges Urlaubsziel Achenkirch am Achensee. Das kleine Skigebiet Christlum hat dort seine Pisten zwischen einer Höhe von 900 und 1.800 Metern über dem Meeresspiegel und liegt damit exakt in der Todeszone des Klimawandels. Das ist gerade in diesem, bislang durchweg zu warmen Winter deutlich zu sehen. Gute Pistenbedingungen bieten die Betreiber nur dank ihrer ausgezeichneten Beschneiung und Pistenpflege. Als erfahrener Abfahrer merkt man dort aber überall den Kunstschnee, denn dieser fährt sich anders als Naturschnee, ist feiner und fühlt sich unter den Brettern zuweilen „seifig“ an.

Beschneien oder schließen

Den Achenkirchern bleibt aber gar nichts anderes übrig, als den Skibetrieb mittels Schneekanonen aufrecht zu erhalten. Im Sommer kann man sich an gleicher Stelle ansehen, warum diese Notwehr erforderlich ist. Dann nämlich ist in dem kleinen Wintersportort vieles geschlossen. Lokale und Sportläden haben nur eingeschränkten Betrieb, die Bergbahnen machen Sommerpause. Eine Gondel, die auch für den Ganzjahresbetrieb geeignet wäre, besitzt man nicht und es wäre auch fraglich, ob sich so ein Investment rechnen würde. Wie viele andere Skiorte haben auch die Tourismusmanager in Achenkirch Probleme, mit Sommeraktivitäten wie Wandern oder Mountainbiken genug Gäste anzulocken. Und selbst dann wäre es nicht dasselbe wie im Winter. Der klassische Sommerurlauber ist meist nur auf der Durchreise, gibt vor Ort weniger Geld aus und verlangt nach Abwechslung, die es eben nicht überall gibt.

Bergidyll mit Naturschnee: Bald nur noch aus dem Familien-Fotoalbum?

Dabei steht das Achental noch vergleichsweise gut da: Der gleichnamige Achsensee, umgeben von den majestätischen Gipfeln des Rofans und anderer Gebirgszüge, lädt zum Bootfahren oder Baden ein. Aber das reicht nicht, Achenkirch bekommt ein riesiges wirtschaftliches Problem, wenn der Klimawandel fortschreitet.

Wir erkennen ein alt bekanntes Muster: Der Städter nörgelt („Hilfe, Klima!“) und die Landbevölkerung, in diesem Fall die Tiroler, sind die eigentlichen Leidtragenden.

Ganz ohne mich oder den Skitourismus verteidigen zu wollen: Wie umweltschädlich welche Art von Tourismus am Ende ist, bleibt eine hoch umstrittene Frage. Die Ski-Community ist sicher aus Eigennutz aber immerhin oftmals Vorreiter in Sachen Klimaschutz. Nicht umsonst wurde aus ihrer Mitte die inzwischen weltweit aktive Klimakampagne „Protect Our Winters“ gegründet. Wie wichtig der Wintersport für Gesundheit, Bildung aber auch Erholung ist, kann man als Skifahrer immer wieder selbst spüren. Das ist nicht durch Tischtennis oder Fitnessstudio zu ersetzen. Trotz Schneekanone und Gondelbahn ist der Schneesport einer der naturnähesten Sportarten, die möglich sind. Leider werden unsere Kindeskinder womöglich gar nicht mehr wissen, wie sich Schnee unter den Füßen anfühlt oder wie man auf Skiern den Berg hinunter kommt.

Und in Achenkirch wird dann abgesehen von einer Sommerrodelbahn und ein paar Seniorenresidenzen mit Bergblick nicht mehr viel los sein. Vielleicht sitze ich dann auf einem Balkon einer dieser Seniorenheime und träume von der guten alten Zeit, als wir noch die Chance hatten, den Klimawandel aufzuhalten.