Die Bauern, das Fleisch und die Milliarde

Deutschland ringt um faire Preise: Auf der Mietabrechnung, am Wurststand, vor dem Gemüseregal und natürlich immer auch mit Bezug auf die eigene Geldbörse. Man ahnt schon, dass das nicht funktionieren kann. Erstens ist „Fairness“ ein dehnbarer Begriff. Interessierte Kreise können mit geschicktem Framing noch die übelste Blutgrätsche als „Fair Play“ verkaufen – fair ist quasi nicht fair zu beschreiben. Zweitens ist immer zu hinterfragen, für wen die Preise am Ende fair sein sollen. Für die Produzenten? Das muss der verschwiegene Einkäufer sicherstellen. Für die spärlich entlohnte Verkäuferin beim Discounter? Das müssen die Arbeitgeber des Handels mit den Gewerkschaften ausmachen. Oder gar für die Verbraucher? Der Hartz-IV-Empfänger wird da möglicherweise andere Vorstellungen von fairen Preisen haben als der Abteilungsleiter eines Dax-Konzerns.

Sehr deutlich wird die Utopie von fairen Preisen in der aktuell hitzig geführten Debatte um Billigangebote der Lebensmittelketten insbesondere bei Fleisch und anderen landwirtschaftlichen Produkten. Was ist ein fairer Preis für ein Kilo Hähnchenschenkel? Die Hähnchen würden jetzt zunächst protestieren und sagen, dass ihr Leben ohnehin unbezahlbar sei. Aber ernsthaft: Was ist ein fairer Preis und woran macht er sich fest? Und ebenso knifflig die Folgefrage: Wie soll dieser faire Preis durchgesetzt werden, wo wir doch alle zufrieden in unserer Marktwirtschaft leben und es am Samstag kaum erwarten können, bis der Postbote die Billigangebote für die kommende Woche in den Briefkasten wirft.

„Beim Edeka kostet das Schweinefilet nächste Woche Siebensiebensiebzig das Kilo. Ich könnte uns mal wieder Medaillons machen.“

Würden Sie als Partner dann antworten: „Oh nein, Schatz. Siebensiebensiebzig ist unfair, lass uns warten, bis es wieder Neunneunneunzig kostet, damit Bauer Ewald nächsten Monat auch noch was zu beißen hat.“

Selbst wenn. Die Geschäfte zwischen Landwirten auf der einen und Groß- beziehungsweise Einzelhandel auf der anderen Seite sind dann längst gemacht und was die Discounter zu welchen Preisen in ihre Werbeblättchen schreiben, macht den Kohl nicht mehr fett – wie Bauer Ewald jetzt vielleicht sagen würde.

Es geht gar nicht ums Geld – sagen die Landwirte

Relativiert wird der politische Vorstoß für vermeintlich faire Preise jetzt ausgerechnet von denjenigen, denen er eigentlich zugute kommen sollte. Denn die Bauern fühlen sich nach eigenem Bekunden falsch verstanden, wenn Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner sie jetzt (wieder) mit Geld zuschüttet. Die CDU-Politikerin, die als ehemalige Weinkönigin und verwurzelte Pfälzerin eigentlich „Stallgeruch“ mitbringt, versuchte erst letzte Woche, die wütenden Traktoren-Rallyes und Bauern-Demos dadurch einzuhegen, dass nicht weniger als eine Milliarde Euro in Form von verschiedenen Hilfen an die geplagten Landwirte fließen soll. Doch die Bescherten scheren sich darum nicht und ziehen die Berliner Politiker unbeirrt weiter durch die verbale Jauchegrube.

Man wolle insbesondere von den städtischen Konsumenten und damit auch von den Politikern wieder mehr Respekt für die bäuerliche Arbeit, war oft zu hören. Und dies sei eben keine reine Geldfrage.

Natürlich ist das nur ein Teil der Wahrheit, denn Respekt wird in unserer durch und durch ökonomisierten Gesellschaft nun mal auch mit einem fairen Preis aufgewogen, aber man ahnt, was die Landwirte eigentlich meinen.

In gutem Essen steckt harte Arbeit

Es stimmt wohl, dass viele Verbraucher, die selbstverständlich erwarten, dass das ganze Jahr knallrote und wohlschmeckende Tomaten zu günstigen Preisen an der Theke bei ihrem Supermarkt zu haben sind, gar nicht wissen, welche aberwitzige Technologieschlacht auf dem Bauernhof zuvor notwendig ist, um das sicherzustellen.

Nun geht es beileibe nicht darum, dass jeder Städter zur Zwangsarbeit auf die Felder entsandt wird. Aber vielleicht sollten wir das aus den mageren Nachkriegszeiten bekannte Konzept der Erntehelfer wieder entdecken. Wenn man die Wehrpflicht abgeschafft hat, kann man im Gegenzug auch eine einjährige Erntepflicht einführen. Da ließen sich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn dass es in der Landwirtschaft gerade in der arbeitsintensiven Erntezeit an helfenden Händen mangelt, ist kein Geheimnis. Junge Leute könnten auf diese Weise einen Dienst an der Gesellschaft tun und ich bin mir sicher, dass Menschen, die in ihrem Leben bäuerlich gearbeitet haben, jenem Berufsstand genau den Respekt zollen, den die Landwirte in der aktuellen und offenbar verengten Diskussion um Hähnchenschenkelpreise so vermissen.

Auf die utopische Idee von den fairen Preisen zurückkommend, lässt sich resümieren, dass der Preiskampf in den deutschen Lebensmittelmärkten nicht mit dem Gesetzbuch beendet werden kann. Nur Verbraucher mit dem nötigen Hintergrundwissen und dem ebenso nötigen Kleingeld in der Tasche können durch kluges Einkaufsverhalten einheimische, saisonale und biologisch produzierte Erzeugnisse nachfragen. Nur so wird sich deutsches Bio-Rindfleisch gegen vom Mersocur-Freihandelsabkommen abgesicherte Billigfleischberge aus Argentinien und Brasilien behaupten können. Aber das Preisschild hängen am Ende immer noch die Händler an – so lange, bis unfair und unethisch produzierte Waren verschmäht werden und damit aus den Regalen verschwinden. Doch das ist ein mühsamer Weg, von dem nicht klar ist, ob ihn die Mehrheit der Verbraucher mitgehen will.