In die Armut gepflegt

Es ist Mittagszeit in diesem Berliner Pflegeheim. Gerade haben die Bewohner ihre Mahlzeit zu sich genommen und nun kehrt Ruhe auf dem frisch gestrichenen Flur der Einrichtung ein. In der Ferne klappert noch ein Geschirrwagen, sonst ist nichts zu hören an diesem Samstagmittag im Heim. Mein Weg führt vorbei an diversen Zimmertüren, die mit Namensschildern und teilweise persönlichen Devotionalien geschmückt sind. Keine Frage: Man hat sich hier bemüht, den pflegebedürftigen Senioren ein Umfeld zu schaffen, in dem sie sich den Umständen entsprechend wohlfühlen und ein hohes Maß an Privatsphäre und Würde bewahren können.

Wobei das mit der „Würde“ so eine Sache ist, wenn man ein Leben lang hart gearbeitet und Steuern sowie Sozialversicherungsbeiträge bezahlt hat und dann an seinem Lebensabend auf fremde Hilfe angewiesen ist. Und mit „fremder Hilfe“ ist an dieser Stelle etwas ganz anderes gemeint, als die täglichen Pflegeleistungen, die viele Senioren benötigen, um noch halbwegs selbstbestimmt leben zu können.

Sozialamt zahlt – aber zu welchem Preis?

Angesichts von monatlichen Zuzahlungen von – je nach Bundesland – 1.400 bis 2.500 Euro werden viele Heimbewohner über kurz oder lang zum Sozialfall. Gerade die Frauen, die zum Teil nicht oder eingeschränkt berufstätig waren, haben in den alten wie neuen Bundesländern meist nicht die Renteneinkünfte, um solche Ausgaben dauerhaft schultern zu können. Zumal im Alter auch andere Fixkosten auf die Haushaltskasse drücken, wie etwa Zuzahlungen für Heil- und Hilfsmittel oder Inkontinenzartikel.

Wenn nun die Ersparnisse bis auf einen für Beerdigungskosten gedachten Sockel abgeschmolzen sind, wird auf Antrag das Sozialamt zahlungspflichtig für die Differenz zwischen Rente und Lebenshaltungskosten, zu denen dann eben auch die monatlichen Heimkosten gehören. Was im Grunde ein Segen und eine wichtige Errungenschaft unseres Sozialstaates ist, kann für die Betroffenen und ihre gegebenenfalls unterhaltspflichtigen Angehörigen mit großen Entbehrungen verbunden sein. Denn das Amt schaut sehr genau hin, was es bezahlt und oft bleibt dann nur noch ein lächerliches Taschengeld übrig, von dem der Friseur oder Podologe bezahlt werden muss. Und dafür hat man dann in den Nachkriegsjahren hart gearbeitet und den Wohlstand erwirtschaftet, von dem andere heute zehren.

Haben Sie Angst vor Altersarmut durch Pflegebedürftigkeit?

Ergebnisse ansehen

Loading ... Loading ...

Demenz kann manches Seelenleid ersparen

So zynisch es klingen mag: Wer am Ende seiner Tage in so eine erniedrigende wirtschaftliche Misslage gerät, dem kann man fast nur noch eine gewisse seelische Umnachtung wünschen. Ich persönlich möchte in so eine Situation nicht kommen – wobei man sich das natürlich nicht aussuchen kann, auch wenn das Bundesverfassungsgericht neuerdings der Ansicht ist, gewerbsmäßige Sterbehilfe sei nicht illegal. Die ohnehin schon bedauerliche Lage vieler pflegebedürftiger Heiminsassen wird zudem durch weitere belastende Faktoren erschwert. Der ständige Mangel an versiertem Pflegepersonal ist auch durch die jüngsten Eingriffe des Gesetzgebers nicht behoben. Durch die ständige Überlastung von Pflegefachkräften häufen sich zudem Berichte von Übergriffen, Qualitätsmängel in der Versorgung und so weiter.

Angehörige kaum noch zahlungspflichtig, Steuerzahler umso mehr

Insbesondere für Familien mit stationär pflegebedürftigen Angehörigen gibt es immerhin seit Jahresbeginn einen Lichtblick. Durch das sogenannte „Angehörigen-Entlastungsgesetz“ müssen bisher unterhaltspflichtige Kinder nur noch ab einem Jahreseinkommen oberhalb von 100.000 Euro für die Zuzahlungen in den Heimen aufkommen. So sehr mich das als unmittelbar Betroffener freut, so klar ist mir auch, dass dieses Geld woanders aufgebracht werden muss. Zunächst müssen die Kommunen – sprich die zuständigen Sozialämter – diese finanziellen Löcher stopfen, aber am Ende wird natürlich wieder der Steuerzahler zur Kasse gebeten.

Umverteilung durch Umverteilung

Man kann die Geldflüsse ändern und vermeintlich gerechter machen. Letztlich bleibt ein Befund aber unumstößlich: Die Kosten für die qualitativ angemessene Pflege von demografisch bedingt immer mehr Pflegebedürftigen laufen auch künftig aus dem Ruder. Ich erhalte aktuell als engster Angehöriger beinahe vierteljährlich Erhöhungsmitteilungen für die Heimentgelte. Seit dem Einzug meiner Mutter dort vor knapp eineinhalb Jahren haben sich die monatlichen Zuzahlungen um knapp fünfzig Prozent erhöht. Und man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, dass es so weitergehen wird.

Es ist sonnenklar, dass die Umverteilung der Umverteilung dieser Kosten irgendwann kommen wird. Weder aus Steuern wird so etwas dauerhaft zu finanzieren sein, noch aus Anpassungen der Pflegeversicherungsbeiträge. Die Lohnnebenkosten sind in Deutschland ohnehin notorisch am Anschlag dessen, was man international noch als wettbewerbsfähig bezeichnen kann. Da lauert sozialer Sprengstoff, gegen den die Mietpreisexplosion in den Großstädten ein Kindergeburtstag ist.

Die moralische Bringschuld gegenüber der älteren Generation

Ich setze mit diesen Gedanken im Kopf meinen Weg über den stillen Flur des Pflegeheims fort. Gleich habe ich die Tür zum kleinen Zimmer meiner Mutter erreicht. Sie wird sich wie immer sehr über meinen Besuch freuen. Ich gebe ihr diese Momente so häufig wie es irgendwie geht. Und wenn sie dann wieder sagt: „Du regelst das alles, oder …“, werde ich natürlich einen Teufel tun und sie mit den düsteren Geschichten von Sozialämtern und Pflegegradfeststellungen belasten. Das ist meine Aufgabe und moralische Bringschuld.