Angegriffen in Zeiten der Unangreifbarkeit

Es begann vor Wochen zunächst mit Fußnoten und Kurzmeldungen in Zeitungen: „Mysteriöse Lungenkrankheit in China beobachtet“. Sie kennen ja sicher den Spruch: „Was kümmert es mich, wenn in China ein Sack Reis umfällt?“ – das, genau das, habe ich damals achselzuckend gedacht. Noch vor ein paar Tagen habe ich an dieser Stelle entspannt-optimistisch zur Corona-Krise, jener „mysteriösen Lungenkrankheit“, geschrieben. Was für eine Fehleinschätzung!

Von diesen anfänglichen und gefährlich verharmlosenden Fehleinschätzungen waren allerdings auch viele andere Menschen bis hinauf in die regierende Politik und bis in die Chefetagen der führenden Wissenschaftsinstitute betroffen. Selbst das renommierte Robert-Koch-Institut (RKI), das in Deutschland als wissenschaftlicher Erstansprechpartner für hoch ansteckende Krankheiten gilt, berichtete bis tief in den März hinein lieber über „Gefahren durch Energydrinks“ und „das Essverhalten von Jugendlichen“. So ist es auf der Website des RKI jedenfalls nachzulesen. Erst später, vor ein paar Tagen, sind dort Sonderseiten zum Corona-Virus online gegangen. Jüngst unterlief dem RKI bei der Verbreitung der aktuellen Neuansteckungszahlen sogar ein peinlicher und vielleicht symptomatischer Fehler.

Die allgemeine Verharmlosung gepaart mit Bruder Schlendrian rührt vermutlich auch daher, dass wir uns in unserer modernen und bis unter die Bettdecke mit Schlafapnoe-Sensoren technisierten Welt zunehmend unangreifbar fühlen. Wir leben in einer Simulation, die uns vorgaukelt, es gäbe für jede noch so dramatische Bedrohung eine schnelle und einfache Lösung – meistens sogar kostenlos im Google App Store.

Wuhan, Lombardei, Wohnzimmer

Jetzt ist es halt da – das Corona-Virus. Aus Wuhan über die Lombardei ist es jetzt bis in unser Wohnzimmer vorgedrungen. Auch Deutschland ist inzwischen ein Risikogebiet in der von der Weltgesundheitsorganisation WHO ausgerufenen Corona-Pandemie. Und trotzdem die Zahl der Erkrankten in Deutschland zum Zeitpunkt, an dem ich diese Zeilen schreibe, noch überschaubar gering ist, so sehen wir doch dramatische Bilder aus Italien von Sterbenden, erhalten trotz Zensur und Verheimlichung schlimme Infektionszahlen aus dem Iran und sehen uns nicht zuletzt unvorstellbaren behördlichen Notmaßnahmen ausgesetzt, die tief in unser Leben eingreifen. Menschen wie ich und du müssen ihre Kinder plötzlich daheim betreuen, weil die Kitas und Schulen geschlossen sind. Im Pflegeheim gelten strenge Sicherheitsmaßnahmen für Angehörige, um die besonders gefährdeten Senioren vor Ansteckung zu schützen. Veranstaltungen werden abgesagt, Schwimmbäder sind geschlossen. Dagegen wirken dann das leere Gemüseregal bei Aldi oder die ausverkauften Barilla-Nudeln aus dem Wochenangebot bei REWE fast schon lächerlich nebensächlich. Immerhin ist ja noch knackig frischer Brokkoli im Tiefkühler.

Schmerzlich wird einem nun aber mehrfach täglich vor Augen geführt, wie angreifbar und verletzlich wir doch weiterhin sind als Individuen, als Gesellschaft ebenfalls. Und wie wenig uns unsere bunten Apps und gut gelaunten Sprachassistenten helfen, wenn echte Bedrohungen kommen. Gewiss möchte man einer Pandemie lieber in der heutigen Zeit als im Mittelalter ausgeliefert sein. Wenn der Pest-Doktor mit der Schnabelmaske kam, wusste man früher, der Sensenmann steht bereits direkt hinter ihm. Doch was wir heute nicht mehr verstehen und jetzt erst wieder schmerzhaft erlernen, ist die demütige Anerkennung unserer Verletzlichkeit. Das betrifft uns selbst sowie unsere Umwelt, nur um andere Menschheitsbedrohungen wie den Klimawandel jetzt im Angesicht der Corona-Krise nicht aus den Augen zu verlieren.

Wertevermittlung auf die harte Tour

Wie immer in Zeiten solcher Krisen erwächst aus eben genau diesen Gefühlen der Angegriffenheit, der Hilflosigkeit, aber auch Neues und längst Vergessenes. Die Kraft des Miteinanders, die im grenzenlosen Individualismus der letzten zwanzig Jahre wie von der Festplatte unseres Bewusstseins gelöscht schien, erschließt sich uns plötzlich wieder. Da gehen Bilder von musizierenden Italienern auf Balkonen um die Welt. Da zeigen Erzfeinde plötzlich Mitgefühl mit den besonders betroffenen Menschen im Iran. Da kann etwas wachsen, da muss etwas wachsen, das uns am Ende dieser Krise stärker macht.

Bleiben Sie gesund und achten Sie auf Ihre Liebsten!