Der Krise wohnt ein Zauber inne

Knapp vier Wochen sitze ich nun schon ein – in der JVA „Home Office“. Es fühlt sich so an, als sei ich in eine völlig neue Lebensphase eingetreten. So eine Art Verrentung, allerdings mit der Pflicht zum Weiterarbeiten. Die Tage sind anders, selbst die Nächte fühlen sich irgendwie fremd an. Und das alles bürde ich mir auf, um mich und die Angehörigen vor einem abstrakten Feind zu schützen – dem Corona-Virus. Niemand hat den Feind bisher gesehen. Er erscheint hier und da in Fernsehbildern, verbirgt sich womöglich hinter Atemschutzmasken, unsichtbar und heimtückisch auf Flächen, die zuvor von Infizierten berührt wurden. COVID-19, die Reality-Horrorshow!

Haben Sie dieser Tage die Sterne gesehen? Die Venus, die so hell wie selten am abendlichen Himmel erstrahlt? Den Supermond, der diese Woche so hell leuchtend am Frühlingshimmel stand, als wolle er sogleich als glühender Feuerball in die Erdatmosphäre eintreten?

Ablenkung ist wichtig. Und ich habe in dieser Reality-Horrorshow festgestellt, dass ich für diese Ablenkung gar nicht zwanghaft selbst sorgen musste. Im Gegenteil: Wie eine Art Schutzmechanismus meiner Seele wurde ich automatisch auf die schönen Dinge aufmerksam, die ich sonst im faden Trott des Alltags glatt übersehe. Nie käme ich in der Hektik einer “normalen” Arbeitswoche auf die Idee, einen Spaziergang nach Einbruch der Dunkelheit zu machen, nur um dabei wie ein kleines Kind den Nachthimmel zu bestaunen. Das hat Corona gemacht.

Inzwischen entfliehe ich – dank des beständig klaren Wetters – beinahe täglich nach der Arbeit im heimischen Büro in die Dunkelheit der klaren Nacht und beobachte die Sterne. Das markante Sternbild Orion kenne ich noch aus der Kindheit. Aber was dort noch für andere teils exotische Sternbilder am Firmament zu finden sind, habe ich dank einer Augmented Reality App auf meinem Smartphone gelernt. Dort kann man einzelne Sterne anklicken und mehr über sie erfahren. Neulich habe ich da draußen in der schützenden Dunkelheit unserer Kleingartenanlage so viel Zeit damit verbracht, den Nachthimmel zu bestaunen und die Namen und Hintergründe der einzelnen Sterne als Wissen wie ein Schwamm in mich aufzusaugen, dass es fast Mitternacht wurde, bis ich wieder zuhause ankam. Es war wunderschön.

Super, der Supermond!

Das Glück im Unglück festhalten

Wir tun gut daran, in dieser Krise, die unser Leben nachhaltig verändern wird, nicht nur die unabänderlichen Bürden würdevoll zu ertragen. Vielmehr sollten wir nach dem kleinen Glücksmomenten wie diesen suchen und sie in unserer Erinnerung festhalten. Und das kann natürlich für jeden etwas anderes sein. Manche bauen, um dem quälenden Lagerkoller zu entfliehen, ihre Wohnung um. Andere werden von Kunstbanausen zu begnadeten Malern. Wieder andere kochen sich durch Gourmet-Rezeptbücher, obwohl sie vor vier Wochen noch Stammkunde bei McDonalds waren. Diese Krise wollte niemand und alle wollen, dass sie schnell verschwindet. Doch die Zeit, bis es soweit ist, kann sich jeder für sich selbst mit schönen, zauberhaften Dingen füllen. Ich werde heute nacht wieder nach den Sternen sehen. Was haben Sie vor?

Ich wünsche all meinen Leserinnen und Lesern frohe Ostern und bleiben Sie gesund!