Groß ist nicht automatisch systemrelevant

Nach der Akutbehandlung der Corona-Pandemie in Deutschland mit brachialen, aber in der Rückschau richtigen Lockdown-Maßnahmen, kommen wir nun so langsam in die Phase, in der Spätfolgen sichtbar werden und bekämpft werden müssen. Dabei geht es gar nicht so sehr um die medizinische Nachsorge, sondern vielmehr um die ökonomischen Folgen von rund zwei Monaten Dornröschenschlaf und der nun folgenden, womöglich länger anhaltenden Konsumzurückhaltung der Bevölkerung.

Es war vermutlich jedem mündigen Bürger klar, dass die Bundesregierung schnell mit viel Geld einen Absturz der Wirtschaft auf breiter Front verhindern musste. Diese vor allem erst einmal geldpolitischen Maßnahmen werden in Fachkreisen gern „Bazooka“ genannt – wie eine gleichnamige, ziemlich martialische Kriegswaffe.

Der zweite Schritt staatlicher Hilfsmaßnahmen richtete sich dann nachvollziehbarerweise an die Bürgerinnen und Bürger: Verbessertes Kurzarbeitergeld, verlängerte Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes, Hilfen für Solo-Selbstständige – die Gelder sprudelten schnell und teilweise ohne irgendwelche Plausibilitätsprüfungen. Selbst das erscheint in diesem beispiellosen Fall einer Pandemie noch angemessen, denn Zeit für ausschweifende behördliche Vorab-Überprüfungen hätten viele Hilfsbedürftige wohl gar nicht gehabt.

Der sich nun immer stärker abzeichnende dritte Schritt staatlicher Konjunkturmaßnahmen erscheint mir hingegen wesentlich diskutabler zu sein. Plötzlich spielt der Staat gegenüber vermeintlich systemrelevanten Unternehmen den „weißen Ritter“ – winkt mit Krediten in schwindelerregenden Höhen und bringt sogar eine staatliche Übernahme nach dem Modell der Commerzbank ins Spiel, um die ins Straucheln geratenen Großkonzerne vor dem Untergang oder einer ausländischen Übernahme zum Schnäppchenpreis zu bewahren.

Warum stürzt der stolze Kranich so schnell ab?

Besonders unverständlich wirkt dieses Gebahren bei den Fluggesellschaften. Erst Condor, bald Lufthansa? Was an Firmen, die Passagiere von Paris nach München fliegen, ist systemrelevant? Wir erleben ja gerade, dass erstaunlich viel auch per Telefonkonferenz zu klären ist. Und trotz ausbleibender Urlaubsreisen ist die Selbstmordrate in der Bevölkerung bislang nicht nachweislich gestiegen. Wenn die Lufthansa abstürzt, fliegt halt demnächst jemand anderes, man nennt das „Marktbereinigung“. Überhaupt ist es doch sehr verwunderlich, warum die einst so stolze deutsche Lufthansa so schnell in existenzbedrohliche Schieflage geraten konnte. Die „Kranich-Airline“ hat sich selbst in den letzten Jahren gern das Image des „solide und konservativ wirtschaftenden“ Platzhirsches verpasst und indirekt das aggressive Wachstum der Golf-Carrier kritisiert, die hier und da in Turbulenzen gerieten – vor Corona. Und vergessen wir nicht, dass die Lufthansa schon einmal von staatlicher Lenkung profitierte, als nämlich vor einigen Jahren die Pleite-Fluggesellschaft Air Berlin mit einem Kredit der Bundesregierung am Leben erhalten und dann für die Lufthansa filetiert wurde – bei substanziellen Gegenangeboten von konkurrierenden Unternehmen wohlgemerkt.

Angesichts der aktuellen politischen Hilfsbereitschaft gegenüber der Lufthansa scheint mir die Bundesregierung zu vergessen, dass pure Größe – die bei der Kranich-Airline zweifellos vorhanden ist – nicht automatisch gleich Systemrelevanz bedeutet. Offenbar beschleicht das Bundeswirtschaftsministerium im Hinblick auf einen drohenden Lufthansa-Absturz noch eine ganz andere Sorge, die man nicht so gern öffentlich zugeben möchte. Die Lufthansa ist nämlich ein Premiumkunde des europäischen Flugzeugbauers Airbus. Sie erinnern sich: Jenes Unternehmen, das ebenfalls staatlich ist und wo sich so ein gewisses Steuermilliardengrab namens A380 im Keller wiederfindet.

Da drängt sich doch der Eindruck auf, dass man eine Kettenreaktion vermeiden will – in dem man ausgerechnet eine weitere (Subventions-)Kettenreaktion in Gang setzt.

Man verstehe mich nicht falsch: Unsere Wirtschafts- und vor allem Industriepolitik darf ruhig etwas egoistischer werden. Ich bin sehr dafür, die produktiven Wertschöpfungsketten – wo es möglich ist – aus Asien wieder zurück nach Europa zu holen. Stichwort „Medizinprodukte“, Stichwort „Solarindustrie“ und so weiter. Aber eine schnöde Fluggesellschaft hat nach meiner Auffassung betriebswirtschaftlich allein klarzukommen. Und wenn sie das nicht packt, ist sie halt demnächst ein Tochterunternehmen von Qatar Airways oder Emirates. So ist das in der Branche und wer irgendwann wieder fliegt, dem kann es doch egal sein, ob auf dem Flugzeug ein Kranich oder ein Oryx auflackiert ist, das Wappentier der katarischen Fluggesellschaft Qatar Airways. Mein Steuergeld sollte bitte eher in die Verstaatlichung von bedrohten Hightech-, Medizin- oder Greentech-Unternehmen investiert werden. Denn die sind systemrelevant in der Post-Corona- und Klimawandel-Welt!