Eingefleischte Rituale

Nachdem nun bereits zum zweiten Mal in kurzer Zeit durch einen Großausbruch des Corona-Virus in der sogenannten „Fleischindustrie“ die Zustände in derlei Großbetrieben in den Fokus der ständig schwelenden öffentlichen Empörung geraten sind, wird wieder allerorten nach Konsequenzen gerufen. Politiker, Verbraucher, Tierschützer, ja sogar die Söhne des Tönnies-Clans fordern jetzt Konsequenzen und wollen quasi, dass neben Schweineköpfen noch andere Köpfe auf Seiten der Verantwortlichen rollen. Doch wer sind eigentlich „die Verantwortlichen“?

Dumm, dass diese Aufregung, die im Grundsatz vollkommen berechtigt ist, mitten in der Grillsaison kommt. In der Woche schreiben da manche Leute das Internet voll mit Hasstiraden gegen Westfleisch, Tönnies und Co. und am Wochenende brutzelt dann wie immer um diese Jahreszeit der billige Schweinebauch auf dem Holzkohlegrill im Garten.

Viele Aufgeregte wollen einfach nicht wahrhaben, dass die Fleischfabriken mit ihren prekär Beschäftigten, fragwürdigen Hygienekonzepten und meist fern jeglicher Tierwohl-Label sägenden und schlitzenden Schlächtern ein Produkt der massenhaften Nachfrage nach billigem Fleisch sind.

Mit solchen Thesen sollen die Geschäftsgebahren und Zustände bei Tönnies keineswegs verteidigt werden – ich will damit lediglich sagen, dass Diejenigen, die sich da jetzt empören, womöglich zu den treuesten Kunden der Schmuddel-Schlachthöfe gehören.

Und bevor jetzt der Shitstorm losbricht: Das da oben auf dem Foto ist kein Fleisch von Tönnies. Es handelt sich um Rinderfilet, das gern auch mal das Zehnfache des Schweinefleisches aus der Corona-Hölle kostet. Ich vermute zwar, dass auch das Rind, von dem diese vier leckeren Steaks stammen, nicht zu Tode gestreichelt wurde, aber es macht schon einen Unterschied, welche Art von Fleisch aus welcher Preiskategorie man kauft. Da sollte aus meiner Sicht Jeder zunächst einmal in der eigenen Tiefkühltruhe recherchieren, bevor man mit dem Finger auf Andere zeigt.

Dass Fleischfabriken mit unterbezahlten Leiharbeitnehmern und dubiosen Sub-Unternehmen bekämpft und im Idealfall geschlossen werden sollten, steht völlig außer Frage. Doch der erste Schritt hin zu einer nachhaltigen Fleischwirtschaft beginnt am Wochenende im Supermarkt beim Einkauf für die nächste Grillparty. Da sollte man vielleicht mal von den eingefleischten Ritualen Abstand nehmen und etwas Gemüse mit Schafskäse grillen – sehr lecker übrigens! Oder man entscheidet sich eben bewusst für gutes Fleisch mit nachvollziehbarer Herkunft zu vernünftigen Preisen. Guten Appetit!