Brechbohnen endlich billiger!

Der Tag aller Tage ist gekommen, liebe Leserinnen und Leser! Der Gesetzgeber weckt uns heute mit einer satten Mehrwertsteuersenkung aus der Corona-Depression und ruft uns „Hurra“ schreiend zu den Ladenregalen!

In der WELT las ich bei meiner täglichen Frühstücks-Presseschau folgendes (Zitat):

„Aldi Süd preist auf großen roten Zetteln am Regal beispielsweise das 660-Gramm-Glas Brechbohnen jetzt ‚dauerhaft billiger’ für 0,74 Euro an, statt zuvor 0,75 Euro, und straft mit dem 1-Cent-Tippelschritt alle Skeptiker Lügen, nach deren Einschätzung die paar Cent pro Artikel bei Lebensmitteln doch gar nicht ins Gewicht fallen würden.“ (Zitatende)

Nachdem ich zunächst kurz überlegen musste, ob der von mir als Leser übrigens sehr geschätzte WELT-Autor Michael Gassmann hier einen satirischen Aufsatz geschrieben hat, überkam mich höchst selbst der Schabernack und ich änderte kurzerhand den Familienspeiseplan für die Restwoche, bevor ich zu Aldi aufbrach:

Mittwoch

Schweinekoteletts (die Guten vom Tönnies!) im gebutterten Brechbohnenbett an Kartoffelstampf

Donnerstag

Rouladen (natürlich von …) mit gedünsteten Brechbohnen an Thüringer Klößen

Freitag

Brechbohnen-Eintopf mit Suppenfleisch (Tö… – Entschuldigung) und Koriander-Beifuß-Gewürzmischung

Sonnabend

Brechbohnen im Speckmantel angebraten mit Kroketten

Sonntag

Brechbohnensalat mit Zwiebeln und Bohnenkraut-Senf-Dressing

Nachdem ich in der Familie übel beschimpft wurde, rechnete ich dieser vor, dass bei dem geschätzten Bedarf von vier Gläsern Brechbohnen bis Sonntag vier Cent Ersparnis drin seien! Doch das kleine Handgemenge am Küchentisch wurde größer statt kleiner und ich musste meine Brechbohnen-Themenwoche abblasen.

Im Ernst: Was soll dieses „Konjunktur-Voodoo“ mit einer auf sechs Monate befristeten Mehrwertsteuersenkung bringen, außer dass sich diverse mündige Verbraucher verschaukelt vorkommen? Es mag ja sein, dass die Senkung der Steuer um drei beziehungsweise zwei Prozentpunkte bei größeren Anschaffungen spürbare Beträge ausmacht. Aber wer sich beispielsweise ein vertragsfreies iPhone für über 1.000 Euro anschaffen kann, den werden auch die dann beträchtlichen Einsparsummen nicht groß jucken. Was aber auf der Seite der ungewünschten Nebenwirkungen in jedem Fall eintritt, ist der unverhältnismäßige Bürokratieaufwand für den Handel.

Dem Bäcker um die Ecke steckt noch das Drama wegen der seit Jahresbeginn geltenden und – mit Verlaub – idiotischen Bonpflicht in den Knochen und nun müssen die Angestellten dort schon wieder aufwändig an den Kassensystemen herumdoktor‘n. Und Ende Dezember geht der Spaß dann von vorn los.

Dieses Konjunkturpaket erhält nur deshalb die Note „gut“, weil die Bundesregierung es immerhin geschafft hat, keinen völligen Unsinn (Abwrackprämie für Verbrenner) darin zu verpacken. So tief sind meine Ansprüche an gute Regierungsarbeit schon gesunken. Aber die Mehrwertsteuersenkung ist nur unheimlich teuer und ineffizient. Das Geld hätte sinnvoller in die Infrastruktur investiert werden können. Ähnlich schwierig ist mein Verhältnis zur sogenannten „Familienprämie“, die vielen Empfängern gar nichts nutzt, weil sie hinterher über den Kinderfreibetrag quasi wieder beim Bundesfinanzministerium landen. Da hätte Frau Giffey doch gleich direkt an ihren Ministerkollegen Scholz überweisen können.

Wie dem auch sei, im Nachhinein interessiert mich das nicht mehr die Bohne. Denn der Zug ist abgefahren, eine Chance für ein kluges Konjunktur-Paket nach Corona vertan.